Dienstag, 2. Juli 2013
Peer Steinbrück dreht sich erschrocken um.
Frank Walter Steinmeier (laut, um die Musik zu übertönen): Entschuldigung. Ich wollte dich nicht erschrecken.
Einen Moment lang starrt Peer Steinbrück Frank Walter Steinmeier an, als hätte er ihn nie zuvor gesehen. Dann fängt er sich und sagt: Hör mal!
Musik: Alles was ich will, nanananana, ist nur die Regierung stürzen.
Frank Walter Steinmeier: Toll.
Beide lächeln.






Montag, 1. Juli 2013
Verteidigung der Unantastbarkeit deutscher und europäischer Gesandtschaften, ein beliebter Zeitvertreib der letzten Junitage 2013.












der Film, der mich interessiert, fängt irgendwo an und hört irgendwo auf, wirkt, als hätte er auch früher oder später anfangen oder aufhören können, eigentlich beginnt er nur zufällig und hört nur zufällig auf. Der Film, der mich interessiert, kennt seine eigene Geschichte nicht so genau, manchmal verliert er sie und findet eine andere, doch er erzählt eine Geschichte und erzählt sie, als wäre sie keine












Mittwoch, 20. März 2013
Am Square Léon Serpollet, dem Park, in dem ich während unserer zwei Wochen in Paris fast jeden Tag mit Fanny gewesen bin, stand auch eine Gedenktafel für die mehr als 700 jüdischen Kinder aus dem 18. Arrondissement, die von der Polizei des Vichy-Regimes an die deutschen Besatzer ausgeliefert und in die Vernichtungslager deportiert worden waren, 86 von ihnen hatten nicht das Alter erreicht, in dem sie eingeschult worden wären. Lies ihre Namen, Passant, stand auf dem Schild, dein Gedächtnis ist die einzige Grabstätte, die sie haben.

Rosette ALTMARTZ 5 ans - Jean-Pierre AOUIDJI 4 ans - Abel BAC 4 ans- André BASCH 1 an - Marie-Louise BENBOUNAN 6 ans - Bernard BENBOUNAN 3 ans - Jeanine BENBOUNAN 6 mois - Francine BENHAIM 1 an - Sarah BIALER 6 ans - Jacques BIALER 2 ans - Marcelle BIALER 4 ans - Henri BIBULA 2 ans - Alain BLUMBERG 14 jours -

weiter schaffte ich es nicht, ich rechnete mir aus, dass jemand, der 1942 mit 14 Tagen deportiert worden war, 2012 siebzig gewesen wäre, sieben und sechs Jahre jünger als meine Eltern, sehr viel jünger als Helmut Schmidt.



"Wann ist die Vergangenheit vergangen?", stand auf der Titelseite der "Zeit", als ich wieder zurück in Berlin war. Für viele schon lange.












Eine Frau schreibt eine Mail. Sie hat ihr Baby verloren, schreibt sie, im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft. Das ist nun ein Jahr her, aber sie kann nicht aufhören, an ihre tote nie geborene Tochter zu denken. Heute wäre sie ein halbes Jahr alt, denkt sie. Oder: Jetzt würde sie wahrscheinlich schon krabbeln.

Du musst aufhören, daran zu denken, sagen Bekannte, die es gut meinen mit ihr, du bist doch noch jung, du kannst noch ein anderes Kind bekommen. Doch der Frau, die den Brief schreibt, ist ihre Zukunft verloren gegangen. Sie kommt kaum aus dem Bett. Sie kann die tote ungeborene Tochter nicht begraben für ein anderes Kind, das sie möglicherweise bekommen könnte. Es geht nicht. Sie kann mit niemandem darüber sprechen, auch nicht mit dem Vater ihrer toten ungeborenen Tochter, sie will es ihm nicht noch schwerer machen, als er es mit ihr schon hat. Wird das irgendwann besser, fragt die Frau.

Die Frau, die der Mutter der ungeborenen toten Tochter antwortet (denn eine Mutter ist sie, ohne je eine geworden zu sein), macht ihr keine Hoffnungen. Es wird nicht besser, schreibt sie. Dein Kind ist tot, es wird tot bleiben, nichts wird dir den Schmerz nehmen können, nichts und niemand, versuch' nicht, zu glauben, dass das ginge. Was die Menschen betrifft, die dir sagen, dass du zu trauern aufhören sollst (weil sie dich mögen, weil sie deine Trauer nicht ertragen, weil sie Trauer nicht ertragen, such'  dir was aus): Sie leben auf dem Planeten Erde, du aber lebst auf einem anderen Planeten mit dem Namen „Mein Baby ist tot“. Zwei Planeten, ich weiß es, ich habe selbst auf ein paar Planeten gelebt, die nicht die Erde waren. Sprich mit Leuten von deinem Planeten. Sie wissen, wie es dir geht, ihr werdet einander erkennen, sie werden dir zuhören, sie werden dir deinen Schmerz nicht auszureden versuchen, du musst dich bei ihnen nicht verstellen. Sag deinem Freund, wie es dir geht, frag ihn, wie es ihm geht.

Dann erzählt die Frau der Mutter der toten nie geborenen Tochter eine lange Geschichte. Sie hat einmal, erzählt sie, als Jugendhelferin gearbeitet, Mädchen betreut, die in Einkaufszentren herumhingen, klauten, mit Männern schliefen, die doppelt so alt waren wie sie und ihnen nicht gut taten, milde ausgedrückt. Es waren Mädchen, die gerade noch nicht in die Abgründe gefallen waren, an deren Rändern sie schon standen, aber es war zu erwarten, dass sie es früher oder später tun würden. Mein Job war es, schreibt die Frau, das zu verhindern. Sie sollten bei MacDo jobben statt vor die Hunde zu gehen, so ungefähr (eine Alternative, die für Mittelschichtmenschen wahrscheinlich keine ist, aber das beweist nur, wie hochnäsig und dumm Mittelschichtmenschen oft sind). Irgendwann brachte ich die Mädchen dazu, mir von ihrem Leben zu erzählen. Es waren Höllengeschichten. Säufermütter mit psychotischen Schüben, Stiefväter, die sie in der Novemberkälte mit Eiswasser übergossen, Misshandlungen, Qualen, Schläge, ich konnte diese Geschichten kaum ertragen, und dabei waren es nur die Geschichten, die ich ertragen musste, nicht das, wovon die Geschichten erzählten. Eine Zeitlang rief ich bei den zuständigen Behörden an, damit etwas unternommen wurde, irgendetwas musste doch unternommen werden. Es geschah aber nie etwas. Man hörte mir zu, man schrieb auf, was ich meldete, man tat es zu einer Akte, man heftete sie ab. Und das war's. Der Staat war zu pleite, um sich um die Lage von Gerade-noch-Kindern kümmern zu können. Irgendwann, falls sie es überlebten, würden sie alt genug sein, um abzuhauen, das war besser, für obdachlose Kinder gab es ein größeres Budget. So war das, erzählt die Frau der Mutter der toten nie geborenen Tochter. Also nahm ich mir eines Tages, an dem ich besonders verzweifelt war, eines der Mädchen, das gerade bei mir im Büro saß, und hielt ihm eine, von Hilflosigkeit, Verzweiflung, sowas wie Wut eingegebene Ansprache. Du musst das überleben, sagte ich dem Mädchen, du musst das durchstehen, du darfst dich davon nicht kaputtmachen lassen, du musst dich an alles Gute klammern, das du bekommen kannst, und jeden Scheiß, der dir begegnet, so gut wie möglich umkurven, es ist eine elende Plackerei, ich weiß, und du bist dabei auf dich allein gestellt, aber anders geht es nicht, du musst da irgendwie durch, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du wegkannst.

Dasselbe sag ich jetzt dir, sagt die Frau der Mutter des toten Babys. Es wird tot bleiben. Der Schmerz wird nicht weggehen, du kannst ihn nicht wegreden, wegfasten, wegessen, wegboxen, wegtherapieren. Du kannst ihn aber überleben, mit ihm leben zu lernen. Du kannst dir dabei von anderen helfen lassen, aber die Heilung, bei der, wie gesagt, der Schmerz nicht verschwindet, wird dein Job sein.

Das Mädchen übrigens, dem ich damals meine Ansprache hielt, habe ich ein paar Jahre später zufällig wiedergetroffen, sie hat bei Taco Bells gejobbt, war kurz davor, befördert zu werden, wir haben uns umarmt, guck doch, was aus mir geworden ist, hat sie stolz gesagt.

So und so ähnlich geht es zu in diesem Buch namens tiny beautiful things: Menschen schreiben Mails an "Dear Sugar", die Lebenshilfe-Kolumnistin der Literatur-Essay-AllesMögliche-Website Rumpus. Eine kommt beim Schreiben nicht weiter, einer fragt sich, was das alles soll, einer kann nicht ich liebe dich sagen, manche kommen nicht über ihre Verluste, Verletzungen, Verwüstungen hinweg. Sugar schreibt zurück. Es sind sehr lange Antworten, sehr viel länger als sie von medialen Lebenshelfern üblicherweise gegeben werden, sehr sehr viel länger. Dabei sagt sie oft nicht so viel zu dem, was die Menschen beschwert, die bei ihr Hilfe suchen. Ihre Antworten sind eher Erzählungen aus ihrem eigenen Leben und manchmal schlimmer als die Erzählungen, auf die sie reagiert. Manchmal ist es, als würde man zu einem Therapeuten gehen, und der Therapeut erzählt einem, wieviel kaum erträglicher Schmerz in seinem eigenen Leben schon vorgekommen ist. Merkwürdig, dachte ich immer wieder beim Lesen, aber ein paar Sätze weiter: es wirkt. Es ist kein Auftrumpfen, kein Übertrumpfen, kein Ablenken, kein Kleinerreden. Es ist etwas anderes, Schmerzensbekämpfung durch das Erzählen von Gleichnissen, radikale Empathie, wie es im Vorwort genannt wird.

So müsste es sein, das Schreiben, Reden, Erzählen, dachte ich, dann wäre es weniger dunkel und bleiern.

[Sugar, die lange anonym blieb, heißt Cheryl Strayed, sie hat einen Bestseller namens "Wild" geschrieben, die Geschichte einer langen Schmerzbekämpfungswanderung, die dieser Tage auch auf deutsch erschienen ist, ich habe sie nicht gelesen, aber wahrscheinlich wird sie gut sein.]






Dienstag, 19. März 2013
Sie erleben den Zweiten Weltkrieg so unmittelbar wie in keinem TV-Film zuvor. Sie setzen sich aus freien Stücken intensiven Angsterlebnissen aus. Sie sind dabei, wenn die Innerlichkeitspanzer nicht stand halten. Sie folgen Ihrem Vater in eine endlose, grausame und sinnlose Vernichtungsschlacht. Sie sind noch nie so unmittelbar in den Nationalsozialismus eingestiegen. Sie treiben viereinhalb Stunden lang weitgehend ohne emotionale Ausruhinseln durch die Geschichte. Sie lernen Vielschichtigkeit und Zerrissenheit kennen, jene Zwischenwelten, die eisige Achtundsechziger ihren Eltern nicht zugestehen mochten. Sie sehen zu, wie Mama und Papa, Oma und Opa Teil eines verbrecherischen Systems wurden, Menschen erschossen, sich von Literaturfreunden in eine Tötungsmaschine verwandelten und sich von einem Gestapo-Mann vögeln ließen. Sie stellen sich unausweichlich gewordene schmerzhafte Fragen. Sie begegnen Ihrem Vater auf Augenhöhe in den Schützengraben von Stalingrad. Sie begreifen, dass der Verlust von Anstand und Ehre so schlimm ist wie der Tod. Sie machen vielleicht die Erfahrung, wie es ist, wenn Tote ins Leben zurückkehren. Sie erkennen, was Ihre Großeltern so sprachlos hat werden lassen. Sie sehen, wie 50.000 Platzpatronen und 200 kg Schießpulver verballert werden. Sie fragen sich: Wer wären Sie selbst in diesem Film gewesen? Sie scheuen die Verstörung nicht, dass die Täter ganz gewöhnliche Männer und Frauen waren und als solche auch zurückkehrten in ihre Familien. Sie entwickeln unweigerlich eine tiefe Liebe zu diesen Figuren in ihrer verzweifelten Unzulänglichkeit.

Quellen: [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10]






Montag, 18. März 2013
Ich habe sogar noch die Drons live gesehen.
Ach.
2015 war das. In diesem Club in Berlin, einer dieser Zwischennutzungsläden.
Ja.
Es war eine beängstigende Erfahrung.
Ja.
Eine Frau hatte eine Panikattacke.
Ja.
Die Hälfte der Leute setzte sich auf den Boden. Aus Angst, getroffen zu werden.
Ja.
Ich auch.
Ja.
Was halten sie von den Leuten, die stehen geblieben sind?
Keta vielleicht. Oder was anderes, bei dem einem alles egal wird.
Warum haben Sie das gemacht?
Weil es geil war.
Na ja.
Fanden Sie nicht?
Wie gesagt: Es war beängstigend.
Es war vor allem richtig.
Verstehe ich nicht.
Macht auch nichts.
Ich würde es aber gerne verstehen.
Wir wollten das Drohnenthema bearbeiten. Das lag in der Luft damals. Warum grinsen Sie?
Wegen der Formulierung.
Sorry, ist mir nicht aufgefallen. Ickser hat diese Ultraleicht-Lautsprecher gefunden. Ich weiß immer noch nicht, wie diese Typen es geschafft haben, dass aus so kleinen Lautsprechern so viel Lautstärke kommt. Irgendwann hat er einen von diesen Lautsprechern auf einen Modellhubschrauber geklebt. So hat das angefangen.
Bei diesem Konzert war es so, als wollten Sie das Publikum attackieren.
Ja.
Wollten Sie?
Ja.
[aufgewacht.]






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