Donnerstag, 3. Juli 2014
1. Cy Twombly-Tattoos.

2. "Ich habe aufgehört, mich für Waren zu interessieren."

3. Williamsburg.- Nie habe ich mich mehr danach gesehnt, ein alter Mann zu sein, mit einem Hosenbund bis hoch zu den Nippeln.

4. Dieser Satz hätte nie geschrieben werden sollen.

5. Materialien für eine Petition, das Urheberrecht der von Nazis Ermordeten oder in den Selbstmord Getriebenen auszudehnen.- Henri Abraham, französischer Physiker, in Aix-en-Provence durch die Miliz aufgegriffen und nach Auschwitz deportiert, wo er wahrscheinlich gleich nach seiner Ankunft ermordet wurde. ¶ Bruno Altmann, deutscher Schriftsteller, im besetzten Frankreich im Sammellager Drancy inhaftiert und mit dem 50. Transport aus Drancy am 4. März 1943 in das KZ Majdanek deportiert. ¶ Rosebery d’Arguto, Musikpädagoge, Komponist und Dirigent, im Zuge eines Befehls Hitlers aus dem Jahr 1942, wonach sämtliche noch im Reich befindliche Juden nach Auschwitz-Birkenau zu deportieren sind, in das Vernichtungslager gebracht, wo er 1943 ermordet wurde. ¶ Fritz (Arthur Hugo) Ausländer, kommunistischer Politiker, nahm sich aus Furcht vor einer erneuten Verhaftung am 21. Mai 1943 das Leben. ¶ Majer Balaban (Meir Balaban, Majer Samuel Bałaban, Meyer Samuel Balaban), Begründer der modernen jüdischen Historiographie in Polen, starb im Warschauer Ghetto. ¶ Richard Bernstein, Journalist, Redakteur beim Vorwärts, † 21. Januar 1943 im KL Auschwitz. ¶ Adele Elkan, deutsche Schriftstellerin, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt und deportiert. 1943 kam sie im Konzentrationslager Auschwitz um. ¶ Friedrich Epstein, deutscher Chemiker und Wissenschaftliches Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, am 17. Dezember 1943 mit dem Transport No. 63 vom Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich ermordet. ¶ Franz Eulenburg, deutscher Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, verstarb unter ungeklärten Umständen in Gestapo-Haft. ¶ Clara Grunwald, deutsche Lehrerin und Protagonistin der Montessori-Pädagogik, mit dem 37. Osttransport in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, der Berlin am 19. April 1943 verließ. Es ist zu vermuten, dass sie sofort vergast wurde. ¶ Georg Hermann, deutsch-jüdischer Schriftsteller, mit der Tochter aus zweiter Ehe Ursula und deren Sohn Michael in das Durchgangslager Westerbork und am 16. November 1943 ohne Tochter und Enkel in das KZ Auschwitz deportiert. ¶ William Kahn, deutscher Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent, am 14. November 1941 in das Ghetto von Minsk verlegt, wo er aller Wahrscheinlichkeit nach ums Leben kam. ¶ Gertrud Kolmar, deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin, mit etwa 1500 Berliner Juden am 3. März 1943 in Auschwitz angekommen, nach der Selektion an der 'Alten Rampe' nicht als Häftling registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. ¶ Katharina Leipelt, deutsche Chemikerin und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus der Weißen Rose Hamburg beteiligt, am 7. Dezember 1943 von der Gestapo verhaftet und am 9. Januar 1944 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel tot aufgefunden, nachdem ihr die Deportation nach Auschwitz angekündigt worden war. ¶ Max Silberberg, deutscher Unternehmer, Kunstsammler und Mäzen, am 3. Mai 1942 – vermutlich in das Ghetto Theresienstadt – deportiert. Über den genauen Tag und Ort des Todes gibt es keine Unterlagen. Verschiedene Historiker nehmen an, dass Silberberg und seine Frau im KZ Auschwitz ermordet wurden. ¶ Arthur Silbergleit, deutscher Lyriker und Erzähler, am 3. März 1943, fast völlig erblindet, obwohl in einer sogenannten „Mischehe“ lebend, in seiner Berliner Wohnung in der Ansbacher Straße 25 von der Gestapo abgeholt und nach zehntägiger Haft mit einem Sammeltransport nach Auschwitzgebracht. ¶ Else Ury, deutsche Schriftstellerin und Kinderbuchautorin, am 12. Januar 1943 im 26. sogenannten Osttransport des RSHA unter der Nummer 638 nach Auschwitz deportiert, nach der Selektion an der 'Alten Rampe', nicht als Häftling registriert und sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. ¶ Harry Waldau, deutscher Pianist, Komponist, und Textdichter, † März 1943 im KZ Auschwitz. ¶ Arthur von Weinberg, deutscher Chemiker und Industrieller, auf Veranlassung des Gauleiters von Oberbayern, Paul Giesler, am 2. Juni 1942 verhaftet. Nach Theresienstadt verbracht, starb er dort nach einer Cholezystektomie im Alter von 82 Jahren. ¶ Josefine Winter, österreichische Malerin, Komponistin und Schriftstellerin, am 15. Juli 1942 mit Transport IV/4 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 20. Januar 1943 starb. ¶ Benno Wolf, in derZwischenkriegszeit einer der bedeutendsten europäischen Höhlenforscher, wegen seiner jüdischen Abstammung und insbesondere wegen seines kriegswichtig gewordenen Archivs über Höhlen als 70-jähriger am 8. Juli 1942 mit dem 17. Alterstransport in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 6. Januar 1943 infolge der unmenschlichen Haftbedingungen. Sein Höhlenarchiv übernahm das Ahnenerbe der SS. ¶ Theodor Wolff, deutscher Schriftsteller, einflussreicher Publizist und Kritiker, am 23. Mai 1943 in Nizza verhaftet, der Gestapo übergeben und über ein Marseiller Gefängnis und das Sammellager Drancy in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, an Phlegmone erkrankt, am 20. September 1943 auf Bitten der Mithäftlinge in das Berliner Jüdische Krankenhaus verlegt. Nach drei Tagen starb Theodor Wolff. ¶ Richard Zach, österreichischer Widerstandskämpfer und Dichter, in den Abendstunden des 27. Jänner 1943 hingerichtet. ¶ Friedrich Zingel, deutscher Pädagoge und Schriftsteller, verheiratet mit Sieglinde Brodek, mit der er wegen deren jüdischer Abkunft und der drohenden Deportation am 1. November 1943 gemeinsam aus dem Leben schied.
Quelle: Liste der Literaten, Schriftsteller und Wissenschaftler, deren Werke im Jahr 2014 gemeinfrei werden († 1943). [Jeweils mit Angabe der Lebensdaten, des Berufes und einer kleinen Auswahl an Werken. Kann unter anderem als Grundlage für Autorenseiten dienen. Weitere Ergänzungen, insbesondere eventueller gemeinfreier Übersetzungen bei fremdsprachigen Autoren, sind erwünscht.]

6. [Im Treppenhaus laufe ich der Geschichte nach. Knapp vor ihrer Wohnungstür werde ich sie stellen und streng ansehen. Sie wird mich anschauen, den Kopf schütteln, aufsperren, die Tür hinter sich schließen und "Trottel" seufzen, jedenfalls werde ich mir einbilden, sie seufzen gehört zu haben.]

7. In den vergangenen dreieinhalb Jahren am ehesten Vater gewesen, ein Wort, das ich, aus Gründen, nicht mag, aber ich bin einer, ich ziehe dich an, ich spiele mit dir, ich schaue mir mit dir Bücher an und immer noch Videos, auf denen ein Zug Bananen und Kiwis durch die Landschaft fährt, ich setze dich auf das Fahrrad und bringe dich in den Kindergarten, ich hole dich ab, ich mache dir Wiener Schnitzel, ich putze deine Zähne, ich halte dich in meinem Arm, bis du einschläfst, jeder Tag ein Verschwinden, bleib doch hier, bleib so klein. Bemerkte, wie müde ich mittlerweile der Debatten bin, der Alten Welt, auch der wie aus dem Nichts aufstöhnenden Windstöße, die plötzlich wehen und wieder verwehen, ein Wind, mehr nicht, sprechende Tote, da hatte Grillo recht, reden noch, aber sie sind tot.

8. Merkwürdigerweise ist die Alte Welt schon längst so, wie ich mir die Neue Welt oft gewünscht hatte, in vielem. But so fucking what?



9. He Loved Him Madly.- Ich weiß nicht, wer gerade spielt, niemand weiß es, das war die Abmachung, kein Wort zu irgendjemandem. Ich weiß es ja auch nur, weil ich davon geträumt habe, Tscheko hat es mir erzählt. Da ist dieses Studio in Jersey City, erzählte er, man findet es nur, wenn man den Weg kennt. Da spielen sie, nie alle zusammen, immer nur sieben oder acht, höchstens zehn. Insgesamt sind es hundert, die Mitgliedschaft erlischt erst bei Tod, dann rückt jemand nach. Seit 1974 geht das so. Ihre Aufgabe ist es, He Loved Him Madly nie enden zu lassen, manchmal war es fast so weit, aber sie haben es dann doch geschafft, am 11. September, als die ersten gekommen waren, die von den Türmen wussten und es im Studio erzählten, aber dann rissen sie sich doch zusammen, Routine wahrscheinlich, dachte ich, manchmal hatten einzelne aufgegeben, nicht viele, waren ohne Ankündigung weggeblieben und erst nach ein paar Jahren wieder aufgetaucht, das war schon okay so, hatten es nicht mehr ertragen, so etwas wie eine Pflicht zu haben, oder waren nach Europa gezogen, brauchten eine Auszeit, schlafen, essen, Stille haben, das Meer sehen, die Kinder, die Zikaden hören, ohne den Hintergrundgedanken, dass es da noch diesen Job gab, aber das ging, auch damit hatte Davis kalkuliert, als er sich das alles ausgedacht hatte, an jenem Abend, an dem ihm Macero das Band vorgespielt hatte, das muss weitergehen, dachte er, nirgendwohin, es muss schweben, und das Studio suchen und kaufen lassen und auch den Block rundherum, damit niemand es je finden würde, und dann Musiker angeheuert, die zuerst dachten, er wolle mit ihnen auf Tour gehen, bis er herausgerückt damit war, worum es ihm wirklich ging. Es gab nicht viele, die sein Angebot ablehnten, es war schließlich Miles Davis, außerdem zahlte er ein regelmäßiges Gehalt, genug, um wohnen und essen und anständig leben zu können, das einzige, was vielleicht schwerer zu verkraften war, der Umstand, von ihm ausgesucht worden zu sein, denn was, wenn man ihm nicht genügte, es nicht brachte? Hör auf mit dem Scheiss, hatte Davis dem einen oder anderen gesagt, was soll das, dafür bist du nicht in der Band, und irgendwann ging das immer, auch nach seinem Tod, das Ichding verschliff sich mit den Jahren, die Panik und die Angst, nicht zu genügen, und der Drang, besser zu sein, man kam damit ja nicht weiter, nicht bei diesem Stück, "I can't find a center," hatte der Journalist gesagt, der ihn damals interviewt hatte, und Miles wurde sauer, sagte "Who told you to look for a center?", "I have to," sagte der Journalist, for my own needs.", und Miles darauf: "Ooh - That's your problem.", es ging nur darum, dass es existierte, eine Unendlichkeit (solange nicht doch jemand den Ort fand, etwas explodierte, die Erde sich auftat). Ich weiß, dass es so ist.

10. Jahrhunderttalent, sagten manche, Idioten, dachte er. Über Jahrzehnttalent hätte er mit sich reden lassen, das bewies er. Neulich erst hatte er alle Kolumnen abgeschafft, er hatte nichts gegen Kolumnen, aber ihm war aufgefallen, dass er sie nie las, nett, wenn er sich doch einmal dazu zwang, der eine oder andere Witz, aber irgendwie kein Fleisch drin. Als sie alle zusammensaßen, fragte er in die Runde, ob es nur ihm so ginge, irgendjemand im Raum, der Kolumnen liest?, stellte eben alles auf den Prüfstand. Als Stopper, sagte Schuppe. Was er sich darunter vorstellen solle, wollte er wissen, noch nicht entschieden, ob er Schuppe mochte oder nicht, nahm ihn auf seine Beobachtungsliste, würde sich beweisen müssen, aber vielleicht ja auch der Mann, bei dem es sich auszahlen würde, ihn hervorzuheben, sein Überehrgeiz, sein Versuch, in den Feinheiten dagegen zu halten, aber nie im Prinzipiellen, das ergab eine schöne Aura der Freiheit, das konnte man in den Interviews mit Branchendiensten sagen, wenn sie wüssten, würde er sagen, wie lebendig wir immer diskutieren! Na ja, sagte Schuppe, im Flow geben einem Kolumnen das Gefühl, dass nicht alles auf Service oder Fakten hinausläuft, es eben auch noch einen anderen, persönlicheren Ton, und es sei dieses Gefühl, sagte Schuppe, das er mochte, aber auch er selbst würde die Kolummen kaum je, nur ihre Existenz begrüßen, so wie er an Berlin möge, dass es so viele Galerien und Clubs gibt - sagt wirklich noch jemand Clubs, fragte er sich, vielleicht war auch Schuppe eine Pflaume -, obwohl er selbst nie in welche ginge, das Großstadtgefühl, sagte Schuppe, vielleicht solllten wir die Kolumnen behalten, vielleicht sollten Sie öfter mal rausgehen, sagte er, Schuppe, und alle lachten, am Ende waren die Kolummen alle weg, und Schuppe bekam den Job, es den Kolumnisten mitzuteilen, er würde sich bewähren müssen, mal sehen, vielleicht würde er sie in drei Monaten wieder einführen, eine oder zwei, ganz sicher war er souverän genug, eigene Entscheidungen wieder umzustoßen, Jahrhundertalent, dachte er, dass ich nicht lache.

11. Es ging dahin.

12. "Was würde Soderbergh tun?", steht auf einer Stickerei in Mike Myers' Büro.

13. Hinrichtung des Onkels nach einer in der Geschichte des Landes beispiellosen öffentlichen Demütigung und nach kurzem Prozess, „Hund“, chinesische Fraktion innerhalb der nordkoreanischen Führung, seltene Erden, Kohle, Krabben und Muscheln, Fanggründe, die Kim Jong Il einst dem Militär überlassen hatte, um erstens die Ernährung der Soldaten sicherzustellen, zweitens der Armee ein Incentive zu geben, aber der Onkel hatte sein eigenes Ding daraus gemacht.

14. [und tappst nachts über den Flur, Papa, wirfst dich in meinen Arm, schläfst wieder ein]

15. Ich schreibe jetzt manchmal suchmaschinenoptimierte Texte, sagte Kippen. - Und wer soll das lesen? - Google, besser als nichts.



16. Zuerst hatte Schmitt es mit Minmalkorrekturen versucht. Elsers Bombe war zum richtigen Zeitpunkt losgegangen, Chamberlain weniger naiv gewesen, die Österreicher hatten unerwartet den Einmarsch zurückgeschlagen, Hitler danach eingesehen, dass er nicht durchkommen würde. Es gab Varianten mit Herzinfarkten, Flugzeugabstürzen, Amtsenthebungen wegen Korruption, Röhm-Putsche, bei denen Röhm geputscht hatte, jedes Mal geriet er doch wieder an den Punkt, an dem er sich eingestehen musste, Deutschland nicht hundertprozentig abgedichtet zu haben. Dann hätte Göring es eben gemacht, oder Röhm, es lief dennoch alles auf Rassegesetze und Krieg hinaus, zwei Jahre später, ohne Westfront manchmal, aber nie entscheidend anders. Also ging er dazu über, Versailles umzuschreiben, die Reparationen zu senken, sich dem österreichischen Ultimatum an Serbien nicht anzuschließen, sollten die Idioten doch machen, was sie wollten, aber ohne die Deutschen, Meteoriten fallen, Friedrich II. nach der Montessorimethode erziehen, er ließ Napoleon durchhalten, Luther vom Blitz treffen, ein Zeichen Gottes. Es half alles nichts, immer war eine Lücke in der Konstruktion, er musste noch früher ansetzen.

17. Ist es Kunst, wenn niemand sie sieht?

18. Und jetzt?
Na ja, sagte ich.






Dienstag, 17. Juni 2014
Das Haus hatte drei Etagen, eine Veranda, einen kleinen Garten, vier Badezimmer, einen Whirlpool. Merkwürdiges Internet.

Auf der anderen Seite des Hudson Rivers stand wieder ein World Trade Center. Ein Turm, nicht mehr zwei. „Du musst es jetzt alleine schaffen“, dachte ich.

Als wir im Jahr vor Fannys Geburt in New York gewesen waren, hatten wir noch in eine tiefe Grube gesehen, an den Zäunen Zettel, Flugblätter, Blumen. Nun, am gegenüberliegenden Ufer, schämte ich mich, weil ich bei meinen Versuchen, mir den 11.September vorzustellen, immer die Fähren vergessen hatte, die an jenem Tag Davongekommene aufgenommen und über den Hudson River nach Jersey City evakuiert hatten. An der Waterfront erinnerte eine Tafel an die Feuerwehrmänner, die ums Leben gekommen waren: You went in, when we came out. Ein verbogener Stahlträger, um dessen Nieten Menschen Freundschaftbänder gewickelt hatten, ein Block weiter ein Denkmal für die in Katyn von der Roten Armee ermordeten polnischen Offiziere. Am Tag nach unserer Ankunft kamen wir auf dem Weg zum Spielplatz im Hamilton Park an einem polnischen Veteranenheim vorbei, zwei Wochen später, am Labour Day, begegneten uns auf dem selben Weg zwei alte Männer, die Militäruniformen mit Aufnähern auf den Ärmeln trugen, auf denen „Polska“ stand. Wenn ich in diesen zwei Wochen nachts aufwachte, taperte ich zwei Stockwerke tiefer, um mich mit Zigaretten und dem Kindle auf die Veranda zu setzen und in „Bloodlands“ zu lesen. Ich hatte das Buch schon einmal nach einer Besprechung in der NYRB angefangen und es nach ein paar Tagen wieder weggelegt, weil ich nicht ertrug, wovon es erzählte. Jetzt ging es, vielleicht weil mich der Jetlag mürbe machte. In „Bloodlands“ erzählt Timothy Snyder, wie zwischen 1933 und 1945 in einem Gebiet, das die Ukraine, Weißrussland, die baltischen Staaten, Vorkriegspolen und das westliche Russland umfasst, 14 Millionen Zivilisten getötet wurden - durch die von Stalins Politik ausgelöste Hungersnot in der Ukraine, durch NKWD-Säuberungen, Massendeportationen, ethnische Säuberungen, durch den Holocaust und das Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener, durch Erschießungen und Pogrome. Ich konnte mir das alles nicht vorstellen, weder das Sterben noch das Töten, obwohl Snyder beides ausführlich schilderte, so wie ich mir das Töten und Sterben nie vorstellen konnte, auch nicht, wenn ich mir auf YouTube die Videos ansah, von denen es bei Spiegel Online hieß, dass sie im Internet aufgetaucht waren, es dauerte immer nur ein paar Minuten, bis ich sie fand und drei, vier Mal hintereinander abspielte. Es gab daran nichts zu verstehen, jemand kam und schoss  Menschen, die dafür ausgesucht worden waren, in den Hinterkopf oder schlug sie mit einer Schaufel tot oder ließ sie noch ein wenig Gras und Erde fressen, ehe sie verhungerten, oder die Gräber ausheben, in die sie dann hineingeschossen wurden, jemand entführte ein Flugzeug und ließ es in ein Hochhaus stürzen. Wenn nach zwei, drei Stunden die Müdigkeit wieder stärker als die Jetlag-Wachheit war, machte ich den Kindle aus, schloss die Verandatür ab und stieg wieder hoch, um mich zu den beiden ins Bett zu legen und noch ein paar Stunden zu schlafen, Fanny zwischen uns. Meistens wachte ich davon auf, dass ich sie im Badezimmer lachen hörte, Okka hatte Justin Timberlake angemacht oder das Dollar-Lied, wie Fanny es nannte, Dollar Dollar bettelte sie, bis Okka es anmachte, dann tanzte sie zu den ersten anderthalb Strophen, es ging ihr immer nur um den Anfang, das Glück des Wiedererkennens. Warum schläfst du nicht, fragte Okka, Jetlag, sagte ich und erzählte ihr nicht von den „Bloodlands“. Ich hatte nicht wirklich nach New York gewollt, weil ich mir nicht vorstellen hatte können, mit einem zweieinhalbjährigen Kind durch New York zu laufen, und weil es mir seltsam vorgekommen war, so weit zu reisen, um dann auf Spielplätzen zu sitzen. Aber nun war es wie immer, wenn ich in Amerika gewesen war, schon in der Schlange vor der Passkontrolle war ich glücklich. Fanny, die sich den ganzen Flug über bestens unterhalten hatte, versuchte sich mit dem Immigration Officer zu unterhalten, wie sie mit jedem zu sprechen versucht, auf der Zugfahrt von Newark nach  Jersey City fragte sie ständig, ob wir jetzt in Merika seien und freute sich, wenn wir es bejahten. Es war so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Zwei Wochen lang tat ich nicht viel anderes, als mit ihr auf Spielplätze zu gehen, die Hälfte der Zeit ohne Okka, die ihre New York-Liste abarbeitete. Ich hatte keine New York-Liste, auch das Vergnügen, mich stundenlang in Buchläden herumzutreiben, war mir abhanden gekommen, das eine Mal, als wir doch zu Barnes & Noble am Union Square gingen, hatte ich nach ein paar Minuten keine Lust mehr, nach Büchern für mich zu suchen und setzte mich lieber zu den beiden in der Kinderbuchabteilung auf den Boden. Wie geht es dir, simste Hanna, ich bin sehr glücklich, simste ich zurück, das hast du mir zuletzt bei Fannys Geburt geschrieben, for the record, simste Hanna, das liegt aber auch daran, dass wir nicht so oft simsen, dachte ich, aber sie hatte recht, in diesem Sommer bin ich glücklich gewesen wie lange nicht mehr. Anderthalb Jahre lang bin ich viel zu oft genervt gewesen, doch jetzt saßen wir bei Nalu, aßen Hamburger und redeten darüber, ob wir die Bücher schreiben sollten, die man von uns wollte, und über die Jobs, die man uns angeboten hatte. Ich schrieb endlich wieder mehr, statt darüber nachzudenken, warum die Geschichten, die ich hatte schreiben wollen, keine Geschichten waren, und mich zu ärgern, wenn sie drei, vier Wochen später in anderen Blättern auftauchten, schlechter, als wenn ich sie geschrieben hätte. Es war wieder so geworden, wie es sein sollte, man telefonierte fünf, zehn Minuten, pingpongte ein wenig, dann legte man los, ohne zu wissen, was sich dabei genau  ergeben würde, meistens ergab sich ja etwas. Die Sonne schien. Wir saßen bei Nalu. Wenn die Kellnerin da war, die ich so mochte, lief Creedence Clearwater Revival oder John Coltrane. Ich schrieb wieder. Fanny tanzte.

Wie immer, wenn ich in anderen Städten bin, hatte ich auch in Jersey City nach zwei, drei Tagen einen Lieblingsplatz gefunden: die Bänke an der Anlegestelle der Hudson River Ferries. Wir saßen da und schauten hinüber nach Manhattan, nur eine Flußbreite von uns getrennt, aber sehr viel entfernter erscheinend. Vielleicht hatte es mit dem milchigen Licht zu tun, in dem die Stadt lag, vielleicht mit ihrer Stille, man hörte kaum etwas von ihr. Die Möwen schrien. Die Fähren hupten. Die Freiheitsstatue hielt ihre Fackel in den Dunst, Fanny nannte sie Freiheitsfrau. Die Spitze des Empire State leuchtete in der Sonne. Auf dem Hudson fuhren Lastkähne und Segelboote. Das World Trade Center stand wieder. Alles war gut. Wenn Fanny sich an den Hochhäusern und den Schiffen und der Freiheitsfrau sattgesehen hatte, setzten wir über. Ein paar Schritte von der Fährstation im Battery Park lag der Spielplatz, den wir am dritten Tag gefunden hatten und in dem sie sofort jubelnd losgerannt war, kein Abwarten, keine Schüchternheit mehr, irgendwann während der Monate, in denen wir mit ihr bei den Ärzten und im Krankenhaus gewesen waren, war sie  groß geworden, kein Baby mehr, sie bestand darauf, wenn wir sie aus Gewohnheit, Nachlässigkeit, Liebesverklebtheit behandelten, als wäre sie noch zweieinhalb statt schon fast drei. Abends, im Haus, kam ich mir manchmal wie das Kind eines alten Ehepaares vor. Die beiden saßen im Chillzimmer, wie Fanny es nannte, auf dem Sofa, aßen Erdnussbuttereis, Okka sah sich Newsroom an, Fanny auf dem Ipad ihre YouTube-Kindervideos, ich lag auf dem Boden. Wenn man mir die Unbändigkeit nicht schon in der Kindheit ausgetrieben hätte, hätte ich in solchen Augenblicken vor Glück lostanzen oder loshüpfen oder losbrüllen müssen, scream the shit out of me.  

Manchmal saß ich bloß da und sah Fanny bei ihren Aufgeregtheiten zu, über die Hochhäuser, die Schiffe, die Freiheitsfrau, die Eichhörnchen im Central Park, die Fontänen im Hamilton Park. Zu den Kollateralschäden, mit denen man nicht rechnet, wenn man ein Kind bekommt, gehört auch die Wehmut. Der Freiheit, dem Unbändigsein, dem Glück, der Euphorie eines Kindes kann man nicht lange zusehen, ohne dass einem immer wieder einfällt: Das wird nicht so bleiben.

Ein dreiviertel Jahr später, in einem Sommer, der schon im Mai begonnen hatte und der großartig zu werden versprach, las und übersetzte ich Truman Capotes Geschichte „A Beautiful Child“, die er 1979 für „Interview“ geschrieben hatte. Sie handelt von einem Tag, den Capote mit Marilyn Monroe verbringt und der an einem Fähranleger am South Street Pier am East River endet. Beim Abschiednehmen wiederholt Marilyn eine Frage, die sie schon früher am Tag gestellt hat: was er über sie sagen würde, wenn ihn jemand fragen würde, wie sie ist, wirklich ist,
I wanted to lift my voice louder than the seagulls’ cries and call her back: Marilyn! Marilyn, why did everything have to turn out the way it did? Why does life have to be so fucking rotten?)
TC: I’d say …
MARILYN: I can’t hear you.
TC: I’d say you are a beautiful child.
Selbstverständlich haben in dem dreiviertel Jahr seit diesem Foto

alle mit ihren jeweiligen Angelegenheiten weitergemacht, [Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock'n'Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter], Griechenland, hieß es, mache Fortschritte, Portugal, hieß es, war über den Berg, Ägypten hatte eine stabile Regierung, Russland hatte Interessen, der Iran war wieder im Spiel, der Maidan sollte endlich wieder geräumt werden. Ich kenne immer noch genügend Menschen, die mir das alles erklären könnten, aber ich kann ich es auch bleiben lassen, mir etwas erklären zu lassen, denke ich. Rationalität hat etwas so Irrationales gerade, sie lässt einem die Dinge erscheinen, als geschähen sie aus vernünftigen Gründen und als müsste man nur an ein paar Schrauben drehen, damit die Welt wahrhaftig rational werden, endlich nicht mehr unter ihren Möglichkeiten bleiben würde. Doch das stimmt nicht.






Dienstag, 2. Juli 2013
Peer Steinbrück dreht sich erschrocken um.
Frank Walter Steinmeier (laut, um die Musik zu übertönen): Entschuldigung. Ich wollte dich nicht erschrecken.
Einen Moment lang starrt Peer Steinbrück Frank Walter Steinmeier an, als hätte er ihn nie zuvor gesehen. Dann fängt er sich und sagt: Hör mal!
Musik: Alles was ich will, nanananana, ist nur die Regierung stürzen.
Frank Walter Steinmeier: Toll.
Beide lächeln.






Montag, 1. Juli 2013
Verteidigung der Unantastbarkeit deutscher und europäischer Gesandtschaften, ein beliebter Zeitvertreib der letzten Junitage 2013.












der Film, der mich interessiert, fängt irgendwo an und hört irgendwo auf, wirkt, als hätte er auch früher oder später anfangen oder aufhören können, eigentlich beginnt er nur zufällig und hört nur zufällig auf. Der Film, der mich interessiert, kennt seine eigene Geschichte nicht so genau, manchmal verliert er sie und findet eine andere, doch er erzählt eine Geschichte und erzählt sie, als wäre sie keine












Mittwoch, 20. März 2013
Am Square Léon Serpollet, dem Park, in dem ich während unserer zwei Wochen in Paris fast jeden Tag mit Fanny gewesen bin, stand auch eine Gedenktafel für die mehr als 700 jüdischen Kinder aus dem 18. Arrondissement, die von der Polizei des Vichy-Regimes an die deutschen Besatzer ausgeliefert und in die Vernichtungslager deportiert worden waren, 86 von ihnen hatten nicht das Alter erreicht, in dem sie eingeschult worden wären. Lies ihre Namen, Passant, stand auf dem Schild, dein Gedächtnis ist die einzige Grabstätte, die sie haben.

Rosette ALTMARTZ 5 ans - Jean-Pierre AOUIDJI 4 ans - Abel BAC 4 ans- André BASCH 1 an - Marie-Louise BENBOUNAN 6 ans - Bernard BENBOUNAN 3 ans - Jeanine BENBOUNAN 6 mois - Francine BENHAIM 1 an - Sarah BIALER 6 ans - Jacques BIALER 2 ans - Marcelle BIALER 4 ans - Henri BIBULA 2 ans - Alain BLUMBERG 14 jours -

weiter schaffte ich es nicht, ich rechnete mir aus, dass jemand, der 1942 mit 14 Tagen deportiert worden war, 2012 siebzig gewesen wäre, sieben und sechs Jahre jünger als meine Eltern, sehr viel jünger als Helmut Schmidt.



"Wann ist die Vergangenheit vergangen?", stand auf der Titelseite der "Zeit", als ich wieder zurück in Berlin war. Für viele schon lange.












Eine Frau schreibt eine Mail. Sie hat ihr Baby verloren, schreibt sie, im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft. Das ist nun ein Jahr her, aber sie kann nicht aufhören, an ihre tote nie geborene Tochter zu denken. Heute wäre sie ein halbes Jahr alt, denkt sie. Oder: Jetzt würde sie wahrscheinlich schon krabbeln.

Du musst aufhören, daran zu denken, sagen Bekannte, die es gut meinen mit ihr, du bist doch noch jung, du kannst noch ein anderes Kind bekommen. Doch der Frau, die den Brief schreibt, ist ihre Zukunft verloren gegangen. Sie kommt kaum aus dem Bett. Sie kann die tote ungeborene Tochter nicht begraben für ein anderes Kind, das sie möglicherweise bekommen könnte. Es geht nicht. Sie kann mit niemandem darüber sprechen, auch nicht mit dem Vater ihrer toten ungeborenen Tochter, sie will es ihm nicht noch schwerer machen, als er es mit ihr schon hat. Wird das irgendwann besser, fragt die Frau.

Die Frau, die der Mutter der ungeborenen toten Tochter antwortet (denn eine Mutter ist sie, ohne je eine geworden zu sein), macht ihr keine Hoffnungen. Es wird nicht besser, schreibt sie. Dein Kind ist tot, es wird tot bleiben, nichts wird dir den Schmerz nehmen können, nichts und niemand, versuch' nicht, zu glauben, dass das ginge. Was die Menschen betrifft, die dir sagen, dass du zu trauern aufhören sollst (weil sie dich mögen, weil sie deine Trauer nicht ertragen, weil sie Trauer nicht ertragen, such'  dir was aus): Sie leben auf dem Planeten Erde, du aber lebst auf einem anderen Planeten mit dem Namen „Mein Baby ist tot“. Zwei Planeten, ich weiß es, ich habe selbst auf ein paar Planeten gelebt, die nicht die Erde waren. Sprich mit Leuten von deinem Planeten. Sie wissen, wie es dir geht, ihr werdet einander erkennen, sie werden dir zuhören, sie werden dir deinen Schmerz nicht auszureden versuchen, du musst dich bei ihnen nicht verstellen. Sag deinem Freund, wie es dir geht, frag ihn, wie es ihm geht.

Dann erzählt die Frau der Mutter der toten nie geborenen Tochter eine lange Geschichte. Sie hat einmal, erzählt sie, als Jugendhelferin gearbeitet, Mädchen betreut, die in Einkaufszentren herumhingen, klauten, mit Männern schliefen, die doppelt so alt waren wie sie und ihnen nicht gut taten, milde ausgedrückt. Es waren Mädchen, die gerade noch nicht in die Abgründe gefallen waren, an deren Rändern sie schon standen, aber es war zu erwarten, dass sie es früher oder später tun würden. Mein Job war es, schreibt die Frau, das zu verhindern. Sie sollten bei MacDo jobben statt vor die Hunde zu gehen, so ungefähr (eine Alternative, die für Mittelschichtmenschen wahrscheinlich keine ist, aber das beweist nur, wie hochnäsig und dumm Mittelschichtmenschen oft sind). Irgendwann brachte ich die Mädchen dazu, mir von ihrem Leben zu erzählen. Es waren Höllengeschichten. Säufermütter mit psychotischen Schüben, Stiefväter, die sie in der Novemberkälte mit Eiswasser übergossen, Misshandlungen, Qualen, Schläge, ich konnte diese Geschichten kaum ertragen, und dabei waren es nur die Geschichten, die ich ertragen musste, nicht das, wovon die Geschichten erzählten. Eine Zeitlang rief ich bei den zuständigen Behörden an, damit etwas unternommen wurde, irgendetwas musste doch unternommen werden. Es geschah aber nie etwas. Man hörte mir zu, man schrieb auf, was ich meldete, man tat es zu einer Akte, man heftete sie ab. Und das war's. Der Staat war zu pleite, um sich um die Lage von Gerade-noch-Kindern kümmern zu können. Irgendwann, falls sie es überlebten, würden sie alt genug sein, um abzuhauen, das war besser, für obdachlose Kinder gab es ein größeres Budget. So war das, erzählt die Frau der Mutter der toten nie geborenen Tochter. Also nahm ich mir eines Tages, an dem ich besonders verzweifelt war, eines der Mädchen, das gerade bei mir im Büro saß, und hielt ihm eine, von Hilflosigkeit, Verzweiflung, sowas wie Wut eingegebene Ansprache. Du musst das überleben, sagte ich dem Mädchen, du musst das durchstehen, du darfst dich davon nicht kaputtmachen lassen, du musst dich an alles Gute klammern, das du bekommen kannst, und jeden Scheiß, der dir begegnet, so gut wie möglich umkurven, es ist eine elende Plackerei, ich weiß, und du bist dabei auf dich allein gestellt, aber anders geht es nicht, du musst da irgendwie durch, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du wegkannst.

Dasselbe sag ich jetzt dir, sagt die Frau der Mutter des toten Babys. Es wird tot bleiben. Der Schmerz wird nicht weggehen, du kannst ihn nicht wegreden, wegfasten, wegessen, wegboxen, wegtherapieren. Du kannst ihn aber überleben, mit ihm leben zu lernen. Du kannst dir dabei von anderen helfen lassen, aber die Heilung, bei der, wie gesagt, der Schmerz nicht verschwindet, wird dein Job sein.

Das Mädchen übrigens, dem ich damals meine Ansprache hielt, habe ich ein paar Jahre später zufällig wiedergetroffen, sie hat bei Taco Bells gejobbt, war kurz davor, befördert zu werden, wir haben uns umarmt, guck doch, was aus mir geworden ist, hat sie stolz gesagt.

So und so ähnlich geht es zu in diesem Buch namens tiny beautiful things: Menschen schreiben Mails an "Dear Sugar", die Lebenshilfe-Kolumnistin der Literatur-Essay-AllesMögliche-Website Rumpus. Eine kommt beim Schreiben nicht weiter, einer fragt sich, was das alles soll, einer kann nicht ich liebe dich sagen, manche kommen nicht über ihre Verluste, Verletzungen, Verwüstungen hinweg. Sugar schreibt zurück. Es sind sehr lange Antworten, sehr viel länger als sie von medialen Lebenshelfern üblicherweise gegeben werden, sehr sehr viel länger. Dabei sagt sie oft nicht so viel zu dem, was die Menschen beschwert, die bei ihr Hilfe suchen. Ihre Antworten sind eher Erzählungen aus ihrem eigenen Leben und manchmal schlimmer als die Erzählungen, auf die sie reagiert. Manchmal ist es, als würde man zu einem Therapeuten gehen, und der Therapeut erzählt einem, wieviel kaum erträglicher Schmerz in seinem eigenen Leben schon vorgekommen ist. Merkwürdig, dachte ich immer wieder beim Lesen, aber ein paar Sätze weiter: es wirkt. Es ist kein Auftrumpfen, kein Übertrumpfen, kein Ablenken, kein Kleinerreden. Es ist etwas anderes, Schmerzensbekämpfung durch das Erzählen von Gleichnissen, radikale Empathie, wie es im Vorwort genannt wird.

So müsste es sein, das Schreiben, Reden, Erzählen, dachte ich, dann wäre es weniger dunkel und bleiern.

[Sugar, die lange anonym blieb, heißt Cheryl Strayed, sie hat einen Bestseller namens "Wild" geschrieben, die Geschichte einer langen Schmerzbekämpfungswanderung, die dieser Tage auch auf deutsch erschienen ist, ich habe sie nicht gelesen, aber wahrscheinlich wird sie gut sein.]






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