Mittwoch, 14. Januar 2015
Vom siebenten Traum dieses Jahres habe ich noch in Erinnerung: die Schultern der Freiheitsstatue von hinten, bläulich. Als wäre ich mit einem Hubschrauber unterwegs gewesen.

[Vor dem Einschlafen über die Kalküle Stalins beim Stalin-Hitler-Pakt gelesen; dass er dann zuerst hartnäckig nicht an den Einmarsch der Nazis geglaubt hatte, Propaganda, die ihn dazu verleiten sollte, Deutschland anzugreifen, als die Front dann immer näher an Moskau heranrückte, Abtauchen in seine Datscha, nach zwei Tagen fahren Genossen aus der Führung zu ihm hinaus, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten, er ist nervös, hat Angst, erschossen zu werden. Wäre es gut gewesen, hätte es jemand getan? Hätte jemand anderer als Stalin Hitler besiegen können?]






Im sechsten Traum dieses Jahres stand ich an einem Schreibpult, von Papierstapeln, Büchertürmen, Krimskrams umzingelt, beeilte mich, etwas fertig zu schreiben, ehe Okka zurückkam, euphorisch, sie bald wieder zu sehen, der letzte Satz, den ich schrieb, ehe es an der Tür läutete, lautete: Frischer Fisch ist gut für den Geschmack, ich war stolz auf diesen Satz, er kam mir vor wie eine Erleuchtung.

Das Irritierende daran: Okka hat eine Fischphobie, Erinnerungen an eine Großmutter, die an Karpfengräten saugte, nur bei klarem Wasser ins Meer, falls kein Schwarm in der Nähe ist.






Bei Ikea. Plötzlich Männer in Kampfanzügen, Schreie, Schüsse, ich wachte noch rechtzeitig auf: Das war der fünfte Traum dieses Jahres, in der Nacht nach dem Massenmord in der Redaktion von Charlie Hebdo, ich konnte danach lange nicht wieder einschlafen. Ich bin nicht Charlie.






Mittwoch, 7. Januar 2015
In der sechsten Nacht des Jahres weckte mich Okka, komm, sagte sie, dein Kind spuckt, & während ich benommen zusah, wie sie dem Kind die Haare abwischte & benommen die Feuchttücher holte & benommen Decken schleppte, neue Betten baute, tat mir der Knöchel weh, als hätte in Paris an der Place des Pyramides ein Auto mich aus dem Dunkeln angefahren, aber es war kein Traum, sondern der Anfang von Modianos Unfall in der Nacht, den ich vor dem Einschlafen gelesen hatte, warum aber tat mir mein Knöchel weh, wie konnte mein Knöchel träumen?






Dienstag, 6. Januar 2015
Gegen Pegida sein ist Ice Bucket Challenge im Winter.






Montag, 5. Januar 2015


Am 12. November hing um einen Baum, an dem ich fast jeden Tag mit dem Rad vorbeifahre, eine Todesanzeige gebunden, Trikolore-Farben, ein junger Mann, der zwei Häuser weiter fast eingezogen wäre, vielleicht hätte ich ihn irgendwann gesehen, gegrüßt, passiert hier hin und wieder, ich googlete dem Namen hinterher, schlimme Geschichte, was für ein Scheiss, dachte ich, 2014! Der Zettel hängt immer noch da, fast zwei Monate später, ein wenig ausgewaschen vom Regen vor Weihnachten und den zwei Tagen Schnee zwischen den Jahren, aber noch lesbar, niemand hat ihn abgenommen. Im Tagesspiegel vor drei Wochen ein Nachruf, erst heute gesehen, darin:
Bestattet wurde Felix, der Glückliche, das Sorgenkind des Lebens, anonym neben dem Familiengrab. Er wird keinen eigenen Grabstein erhalten, sein Name wird nicht auf dem der Familie erscheinen.
Aber hier auf dem Baum zwei Häuser weiter. & hier.






Wenn sie bei der Pizza plötzlich fragt, ob das Christuskind tot ist, & ich ja sage, & sie wissen will, warum, & ich sage, dass alle tot sind, die vor 2000 Jahren gelebt haben, weil niemand so lange lebt, & sie fragt, warum es gestorben ist, und mir nichts anderes einfällt als zu sagen, es hätte einen Unfall gehabt (weil sie Unfall versteht, aber das Menschentöten noch nicht), & sie fragt, was für einen Unfall, und ich mit einem Baum sage, & sie sich aber keine Baumunfälle vorstellen kann, ich glaube, weil sie in diesem Augenblick Angst davor bekam, selbst einen Baumunfall zu haben (oder Mama oder ich), & sie fragt, ob es geblutet hat, & ich ja sage, & sie fragt, wo es geblutet hat, & ich an den Händen und an den Füßen sage (der Moment, in dem man lernt, was eine Kreuzigung ist, hau ab, blöde Welt, jetzt noch nicht), & sage, dass es aber im Himmel ist, & sie fragt, ob alle in den Himmel kommen, & ich ja sage, alle, & sie fragt, ob Lulu auch (die Katze in Brooklyn im letzten Sommer) und Mamas Hund und meine Katze, die wir als Kinder gehabt und von denen wir ihr manchmal erzählen müssen, & ich ja sage (und mir vornehme, nachzuschlagen, was die Theologie dazu sagt, obwohl mir scheißegal ist, was die Theologie sagt), & sie dann erzählt, wie ihre Tiere gestorben sind, die Tiere, die sie sich in diesem Augenblick ausdenkt, gegen Bäume gelaufen, sagt sie, gestürzt, & dann sind sie gestorben, & dann sagt, dass sie aber nicht will, dass irgendjemand tot ist, & wissen will, warum alle tot sind, & ich sage, dass es sonst keinen Platz mehr gäbe, zu viele Menschen (was für ein Scheißargument), aber dass alle ja im Himmel seien & später einander wieder sehen und Parties miteinander feiern könnten, alle, fragt sie, alle, sage ich, & dann essen wir weiter, aber heute Morgen hat sie wieder nach dem Christuskind gefragt, ob es wirklich tot sei, & ich frage, warum sie denn vom Christuskind redet, wer ihr vom Christuskind denn erzählt hat (wir nicht, wir glauben an nichts, nichts, nichts, an die Liebe & das Kuscheln & Festhalten & die Picknicks und die Parties mit den Tieren & allenallenallen), & sie dann sagt: weil es doch die Geschenke bringt, du Blödmann, & ich, ein wenig erleichtert, sage, dass sie ihre Geschenke immer bekommen wird, alle Jahre wieder ---

--- & what would Dawkins do?, oder Hitch?, oder irgendeiner der anderen Atheismus-Champs? Das war so ein Mensch, von dem manche Leute glaubten, er wäre ein Gott, war er aber nicht, weil es das nicht gibt, und der an ein Kreuz geschlagen wurde, aber lass mal, ist nicht so wichtig,

--- dieser Irrsinn manchmal, wenn wir an Stolpersteinen vorbeikommen, ob die tot sind, fragt sie, ja, sage ich, warum, ich weiß nicht, sage ich, das ist nur halb gelogen, weil ich es ja tatsächlich in den Details nicht weiß, & sie dann achtgibt, nicht auf die Stolpersteine zu treten oder einmal einen putzen wollte, weil da Dreck drauf lag, & mir natürlich wieder einfiel, wie viele in ihrem Alter aus den Häusern verschleppt worden sind,

& und du auch?, wollte sie wissen, und Mama auch?, ob wir auch einmal tot seien, & ich sie fragte, ob sie noch ein zweites Stück Pizza wolle, Pizza, jubelte sie, lecka, mit dieser Euphorie, die ich nicht mehr schaffe, bei keinem einzigen Wort

& heute morgen, ehe sie sich wieder nach dem Christuskind erkundigte, lag sie noch bei ihrer Mama, das letzte Kuscheln, ehe es wieder in die Kita ging, beschloss, Paddington einen Brief zu schicken & schrieb mit den Zeigefinger ihrer linken auf die Fläche ihrer rechten Hand, dass Paddington gerne bei uns leben kann, freuen würden wir uns, aber dass er bitte nicht unser Bad kaputt machen und seine Zahnbürste nicht für seine Ohren verwenden soll & dass sie ihm immer Orangenmarmelade kaufen wird & auch einen Regenschirm.






Sonntag, 4. Januar 2015
Im dritten Traum dieses Jahres muss etwas so Schreckliches geschehen sein, dass ich mit einem Nein-Schrei aufwachte, um dann vergebens zu versuchen, mich an den Schrecken zu erinnern. Nichts.






Im Dezember hatte Claus Lutterbeck auf seiner Website eine Erinnerung an den Fotografen Wilfried Bauer veröffentlicht, der vor zehn Jahren sein Archiv angezunden und dann aus einem Fenster seiner Hamburger Wohnung gesprungen war & danach fragte ich mich zwei Tage lang, ob ich in meiner Stern-Zeit eigentlich je mit Bauer für eine Geschichte unterwegs gewesen war, bis ich mir einbildete, mit ihm 1989 für ein Gartenjournal in Peper Harow gewesen zu sein, einer therapeutic community für delinquente Jugendliche in der Nähe Londons, zu deren Methoden es auch gehört hatte, die Kids Blumenbeete anlegen zu lassen. Es war ein schöner Tag damals, Cirruswolken in einem stahlblauen Himmel, der Garten des 1765 errichteten Herrenhauses stammte von Capability Brown, der Libanon-Zeder, die er gepflanzt hatte, war im Herbst 1987 von einem Sturm über Südengland die Krone gebrochen worden & niemand hatte sie wieder symmetrisch geschnitten, ramponiert war sie immer noch schön, vielleicht schöner denn je, & auf jeden Fall ein Inbild für das pädagogische Programm Peper Harows, das darin bestand, sich Ramponierter anzunehmen, 13-, 15-, 18-jähriger, die bis zu ihrer Rettung durch diese Schule verprügelt, gequält, gefoltert, ausgestoßen, herumgeschoben, auf alle erdenkliche Arten drangsaliert worden waren & ihrerseits sich selbst und andere auf alle erdenkliche Arten quälten. Nun hatten sie Fotostudios, Malateliers, Vollversammlungen, in denen sie erzählen konnten, was in ihnen rumorte, Lehrer, die ihnen zuhörten & ihnen sagten, wie sie in der Dreckswelt, in der sie gelandet waren, überleben konnten, ohne sich & andere kaputtzumachen, und zu "funktionierenden Exzentrikern" zu werden, wie der Therapeut nannte, worauf sie aus waren. & sie hatten Gärten, Blumen, Kräuter, Gemüse, etwas, das sich lieben ließ, dem sie beim Wachsen zusehen konnte, das Fürsorge belohnte, so jedenfalls erklärte es uns Della, mit der wir sprachen & die uns von einem Jungen erzählte, der alles über Kürbisse zu wissen schien, er wurde ganz sanft, während er sich um sie Kümmerte.
Im Netz erfuhr ich dann, dass es Peper Harow nicht mehr gab, warum?, warum müsst ihr immer die Orte abschaffen, an denen man zu sich kommen & endlich panikfrei werden kann, & fand auf YouTube zwei BBC-Filme über Peper Harow: eine Dokumentation aus dem Jahr 1973 und eine zweite, zwanzig Jahre später gedreht, das Erwachsenenleben einiger jener Jungs beobachtend, um die es 1973 gegangen war.





So ist Erziehung, gesellschaftliche Empathie, Fernsehen einmal gewesen - ein Ort, an dem ein Junge, der eigentlich keine Chancen mehr hat, entdeckt, dass er Homer mag, Dokumentationen, die ihren Zusehern zeigen wollen, was ginge, wenn man sich Mühe gäbe mit den Ramponierten statt ihrer bloß müde und überdrüssig zu sein.
Ob ich damals wirklich mit Wilfried Bauer dort gewesen bin, weiß ich nicht.






Samstag, 3. Januar 2015


Im Sommer bin ich im 9/11 Memorial Museum gewesen, das ein paar Wochen zuvor eröffnet worden war, an meinem freien Tag während unserer zweieinhalb Wochen in New York, & fast hätte ich auf ihn verzichtet, weil ich mit abscheulichen Kopfschmerzen aufgewacht war, dann aber wollte ich doch wissen, wie das Museum geworden war, & erst dort wurde mir klar, dass das auch ein Grab war, ungeborgene, nicht mehr zuordenbare Leichenteile, Reposed behind this wall are the remains / of many who perished at the / World Trade Center site on September 11, 2001 hieß es auf einer Tafel, einen Augenblick lang wollte mein linker Arm schon ein Kreuzzeichen schlagen, die Geste, die mir als einzige jedes Mal einfällt, wenn ich Toten nahe komme (auf Friedhöfen, vor Gedenktafeln, in Paris vor den Rosen, die jemand für einen umgekommenen Maquisard dagelassen hatte), ich hielt mich dann zurück (weil ich nicht glaube), senkte bloß den Kopf, ging den Weg entlang, in die Tiefe hinunter, wo bis zum 11. September 2001 die Untergeschosse eines Turms des WTCs gewesen waren, verbogene Stahlträger, die Reste einer Treppe, über die Menschen aus den Türmen geflohen waren, eine Wasserschutzwand, die standgehalten hatte, ein wenig wie in Ubahn-Stationen, in denen hinter Glas Zeugnisse der Römer ausgestellt werden,

[ein anderes Imperium, das von Arabern angegriffen wurde; im Herbst 2014 dann mein plötzliches, mir selbst nicht erklärliches Interesse am Untergang des Oströmischen Reiches, plötzlich musste ich unbedingt auch die Geheimgeschichte von Prokopios lesen, in der er die First Lady Theodora I. als eine Frau zu diffamieren versucht, die es gerne mag, mit dem Dienstpersonal zu schlafen und es bedauert, dass ihre Brüste keine Öffnungen haben, die penetriert werden könnten
On the field of pleasure she was never defeated. Often she would go picnicking with ten young men or more, in the flower of their strength and virility, and dallied with them all, the whole night through. When they wearied of the sport, she would approach their servants, perhaps thirty in number, and fight a duel with each of these; and even thus found no allayment of her craving. Once, visiting the house of an illustrious gentleman, they say she mounted the projecting corner of her dining couch, pulled up the front of her dress, without a blush, and thus carelessly showed her wantonness. And though she flung wide three gates to the ambassadors of Cupid, she lamented that nature had not similarly unlocked the straits of her bosom, that she might there have contrived a further welcome to his emissaries.<Quelle>]
saß dann sicher eine Stunde lang in einem dunklen Raum, in dem Fotos von Menschen, die beim Einsturz der Türme ums Leben gekommen waren, auf eine Wand projeiziert wurden, ein Kellner im Windows of the World, eine Frau, die ihre Mutter zum Lunch eingeladen hatte, ein Bankangestellter aus New Jersey, & kein Gedenken würde sie je wieder zum Leben erwecken können, ehe ich schließlich dem Unglück nachging, einer Zeitleiste entlang, die es zu rekonstruieren versuchte, Wände mit Bildschirmen, auf denen sich in Endlosschleifen zuerst das eine, dann das andere Flugzeug in die Zwillingstürme bohrten oder auf denen die Moderatoren einer Frühstücksfernsehen-Sendung die Nachricht erhielten, dass am WTC etwas passiert war, Tafeln mit den Protokollen von Funksprüchen, Radiomeldungen, Notrufen, Botschaften auf Anrufbeantworten, ein Zeitstrahl, auf dem alle paar Sekunden etwas Neues, immer noch Schrecklicheres geschah (das ich 13 Jahre danach noch immer nicht glauben konnte). Später las ich, dass es bei der Eröffnung des Memorial Museums Kritik gegeben hatte; der Condenast Verlag hatte zu einem Cocktailempfang eingeladen, im Museumshop waren fragwürdige Souvenirs angeboten worden, eine Käseplatte zum Beispiel, auf der die Absturzstellen der vier entführten Flugzeuge markiert waren, Zorn gegen den Versuch, das Sterben & Verschwinden zu trivialisieren (ein Zorn, für den ich längst zu müde geworden war, & zu unwillig, anderer Menschen Weisen, sich zu erinnern, abzusnobben; dachte, dass F., wenn ich sie mitgenommen hätte, mich sicher um eine Tasse mit einem Rettungshund angegangen wäre, & an Gespräche, in denen ich ihr von Hunden erzählt hätte, die in Trümmern nach Überlebenden suchen, & dass wir das dann sicher spielen hätten müssen, weil sie alles spielen muss, was sie verstehen will), fuhr hoch zum Union Square, kaufte mir bei Barnes & Noble (einem Ort, dem ich ansah, dass er sich nicht mehr lange gegen das Amazon-Imperium wehren würde können) Rebecca Solnits Men Explain Things To Me, bei Whole Foods ein Sandwich, das ich nach einem Bissen wieder wegwarf, eine große Flasche Orangensaft, die ich auf dem Rasen sitzend in einem einzigen Zug austrank, als wäre ich am Verdursten gewesen.






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