Mittwoch, 28. Januar 2015

Miliz ehemaliger Fahrschüler aus Gallneukirchen, Freistadt oder Hellmonsödt, die auf das Erscheinen der Revolution warteten, hatten jahrelang jeden Morgen um halbsechs, sechs im Postautobus oder in der Mühlkreisbahn gesessen, ab acht Ablative, die Stauffer, Sinus Cosinus Tangens und Brechtinterpretationen, kamen nicht mit, wenn wir nach der Schule auf den Schloßberg gingen, Doppler austranken, knutschten, über Pink Floyd, Velvet Underground und im Ungefähren herum redeten, während sie wieder in den Bussen und Bahnen nach Gallneukirchen, Hellmonsödt, Freistadt saßen, unauffällige Einsamkeitsexistenzen, bis sie mit 16, 17 in der Stadt Zimmer nehmen konnten und der Kommunismus mit ihnen zu sprechen begann, dem Katholischen ähnlich, das sie kannten, Versammlungen der Gläubigen zu unpassenden Zeiten, Schriften, Beschwörung des Kommenden Reiches, Demut und Beichte a.k.a. Selbstkritik nach Momenten der Schwäche, ihre Bereitschaft, während wir noch frühstückten, irgendwo zu stehen und an jedem Zweifel vorbei die Botschaft zu verteilen, Flugblätter, in denen Fortschritte bilanziert wurden, Sammlungen für die Genossen in Zimbabwe, mit ihnen solidarisch vereint im Kampf gegen Revisionismus, Imperialismus & Sozialimperialismus, unempfindlich jedem Spott und jeder Herablassung gegenüber, der Preis, den sie für das Paradies bezahlten, das nur noch ein paar Jahre entfernt lag, falls sie nicht nachließen, unausweichlich einerseits, andererseits nur durch ihre Anstrengung und Unterwerfung (soumission) möglich. Saßen in einer geräumigen Wohnung am Taubenmarkt, lernten Lohn, Preis, fallende Profitraten, die neuen Generallinien, in ihren geflickten Pullovern, zu müde, um einfach aufzustehen und wegzugehen und endlich irgendwo zu verkommen, Kampuchea, die Viererbande, Zwentendorf ließen sie nicht los, sahen sich im Wirtshaus an der Eisenbahnerbrücke den Film über die Erschließung der Erdölfelder von Daqing an, bei der Wang Xixi, seine Krücken wegwerfend, sich in die Grube von Quelle 2589 geworfen hatte, um mit seinem Körper den Zement zu verteilen, der sie abdichten sollte, sein Schmerz ein Zeichen im Kampf gegen Imperialismus, Revisionismus & Sozialimperialismus, hatten sich entschieden, zum Bundesheer zu gehen statt wie wir zum Zivildienst, um für den Fall, dass die Revolution ausbräche, Soldatenräte zu organisieren, bis dahin durchaus einverständig mit der Bundesheerführung gegen die Armeen der Neuen Zaren jenseits der tschechischen Grenze, wollten sogar Carmens Vater anagitieren, Mathematiker, der im Prager Frühling einen einzigen Tag lang im ZK Dubceks gesessen hatte, der aber winkte nur angewidert ab, besprachen vorsorglich Lager und Genickschüsse für jene, deren Umerziehung nicht gelang, sagten, dass die Revolution kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken ist, verliefen sich aber nach ein paar Jahren wieder zurück ins Zähe, wurden Ärzte, Lehrer, Bankangestellte, der eine oder andere Ausfall, Pegeltrinker, Tumor, Bankrott und Unterhaltskrieg, übliches Leben, als hätten sie nie miteinander in Räumen gesessen und besprochen, wer aus dem Weg geräumt werden müsste.







Dienstag, 27. Januar 2015

In Erinnerung an Tadeusz Szymanski, 1917-2002

Szymanski ist fast blind, aber in seiner Welt findet er sich auch ohne Augen zurecht. Schon gut fünfzig Jahre geht er dieselben Wege, hin und zurück und am Ende doch nur im Kreis; auf das Gedächtnis seiner Beine kann er sich getrost verlassen. Sicher steuert es ihn an den verwitterten Baracken vorbei, hin zum Teich, auf dessen Grund Menschenasche liegt, und zu den Birken, über denen damals unaufhörlich die Vögel schrien. "Kann sein", sagt er, "daß sie etwas mitbekommen haben, Angst hatten vor dem stinkenden Rauch, der Tag und Nacht aus den Schornsteinen stieg".

Tadeusz Szymanski, 79 Jahre alt, Rentner, hat knapp zwei Drittel seines Lebens im Konzentrationslager Auschwitz verbracht. Am 12. August 1941 wird er als Häftling Nummer 20034 eingeliefert. Kurz vor Kriegsende gelingt ihm in einem kleinen tschechischen Ort die Flucht aus dem Zug, der ihn nach Dachau überstellen soll. Im Herbst 1946 kehrt er zurück, um sich hier niederzulassen. Abertausende Male hat er seitdem das Terrain des Terrors abgeschritten, immer wieder auch die verschwiegenen Winkel aufgesucht, an denen die Auschwitz-Besucher achtlos vorüberziehen. Harmlose Gewächshäuser im Dorf Rajsko: Hier schnitten die Häftlinge die Blumen für die Ehefrauen ihrer Peiniger. Ein Hof mit metallenem Gerümpel: Hier war ein SS-Zerlegungsbetrieb, in dem abgeschossene Flugzeuge der Alliierten ausgeweidet wurden. Eine unauffällige Wiese: Hier fanden die Selektionen statt, ehe die Züge mit den Viehwaggons direkt in der Birkenauer Hölle vorfahren konnten.

Unter seine Vergangenheit kann er keinen Schlußstrich ziehen - umso weniger, je älter er wird. Denn zu seinem biographischen kommt neuerdings auch ein biologisches Verhängnis: Das Kurzzeitgedächtnis verschwimmt; was schon lange vergangen ist, wird immer gegenwärtiger. "Ich kann mich viel besser an das Gebrüll der SS-Männer erinnern", sagt er, "als daran, was ich heute vormittag getan habe".

Alles, was eine durchschnittliche Biographie ausmacht, hat bei Szymanski an einem Ort stattgefunden, an dem er nur durch eine Laune des Zufalls nicht vernichtet worden ist - seine berufliche Laufbahn, Gehaltserhöhungen, Freundschaften, Krankheiten, die Pensionierung. Selbst seine Frau Irena, zwanzig Jahre jünger als er und Wissenschaftlerin im Lager-Archiv, hat er hier kennengelernt. "Sie war", sagt er, "mir sehr nahe, sie hat sich mit denselben Dingen beschäftigt wie ich". Und zweifelsohne wird er hier auch sein Leben beenden, das kann jeden Tag passieren, wir ehemaligen Häftlinge sterben im Augenblick wie verrückt. Szymanski sagt solche Sätze ohne jedes Pathos, nüchterne Feststellungen, mehr nicht. Bloß daß aus dem Plan, seine Memoiren zu schreiben, nun nichts mehr wird, ärgert ihn: Er kann seine Aufzeichnungen nicht mehr entziffern, auch nicht mit der Lesemaschine, die man ihm geschenkt hat und die ihm die Wörter um ein Vielfaches vergrößert auf einen Bildschirm wirft. Spätestens nach einer halben Stunde ist er todmüde.

Ihre Wohnung - zwei Zimmer, Küche, Bad - haben die Szymanskis im ersten Stock der ehemaligen SS-Administration. Im Erdgeschoß hat man seinerzeit das Zahngold aus den Mündern der Vergasten zu Barren geschmolzen. Zweimal seit seiner Rückkehr aufs Gelände ist Szymanski umgezogen, immer nur in der Häuserzeile - von der Kommandantur ins SS-Revier und von dort in die Verwaltung. So blieb all die Jahre der Blick aus den jeweiligen Wohnzimmerfenstern mit minimalen Achsenverschiebungen derselbe: links das Dach von Gaskammer und Krematorium, rechts die Villa des Lagerkommandanten Rudolf Höß, und dazwischen der Galgen, an dem Höß im April 1947 gehenkt wurde. Die Hinrichtung hat Szymanski von einem Bürofenster in der Kommandantur beobachtet, aber sie war nur ein kurzes Hochblicken von den Akten, hat ihn nicht sonderlich bewegt.

Gegen die Düsternis ringsum haben sich die Szymanskis eine Trutzburg der Behaglichkeit eingerichtet. Die Schnitzereien in der Schrankwand, die Landschaftsaquarelle, die Spitzendeckchen und die Topfpflanzen: Fetische, die die Dämonen des Ortes vor die Tür bannen sollen. Im Schlafzimmer erinnert ein Foto an eine Audienz beim Papst, Kruzifixe und Muttergottesbilder bezeugen einen ungebrochenen Glauben. Die Wände sind in warmem Habsburgergelb gestrichen, die Perserteppich-Imitation und die Webdecke mit den stilisierten Blumen verströmen kräftige Farben. Auf der Sofalehne erwartet ein Stofftier-Spalier die Besuche Annas, einer Nichte Irenas.

Etwa ein Dutzend Kinder lebt hier im Lager, in den Dienstwohnungen des Gedenkstätten-Personals. An welchem Ort sie aufwachsen, wird ihnen möglich lange verschwiegen. So stört sich Szymanski nicht weiter daran, daß die Kids auf ihren Mountainbikes Wettrennen vor dem Krematorium veranstalten und ihre Sandkiste da haben, wo einst die Lagerkapelle zur mittäglichen Tafelmusik der Familie Höß antreten mußte. Nur wenn sie mit Spielzeuggewehren zwischen den SS-Blocks herumtoben, nimmt er die Eltern beiseite; aber dazu hat es nicht allzuoft Anlaß gegeben.

"Die Wahrheit ist, daß ich mich hier ziemlich wohlfühle", sagt Szymanski bei starkem Kaffee und wässrigem Orangensaft aus einem Tetrapack mit Dagobert Duck-Bild. In der Welt da draußen, in unserer Welt, ist er nach seiner Befreiung nicht mehr heimisch geworden. Eineinhalb Jahre lang hat er es versucht, in Lancut, seinem galizischen Heimatort, wo ihn die Deutschen verhaftet hatten, weil er Pfadfinderleiter war und damit nach der paranoiden Logik der Nazis eine "polnische Führungskraft". Aber das Lager ließ sich nicht mehr abschütteln. Dafür sorgte schon das Mitgefühl seiner früheren Bekannten, "milde, freundliche Menschen", wie Szymanski versichert. Jeder wollte wissen, wie es denn in Auschwitz gewesen war, wollte Schauergeschichten über Doktor Mengele hören und den Arm mit der tätowierten Häftlingsnummer begutachten. "Manchmal habe ich mich danach gesehnt", erzählt Szymanski, "zu Bett zu gehen und ohne Gedächtnis aufzuwachen, mit einem leeren Kopf, bereit für ein neues Leben".

Doch nachts überfluteten ihn Alpträume. Der eisige Blick des Lagerarztes Entress bei der Selektion im Krankenblock. Kaduk, der ewig besoffene Schlächter, wie er von einer Sekunde auf die andere Häftlinge totschießt, nur so zum Spaß. Und das Strammstehen auf dem Appellplatz, Stunde um Stunde, ja nicht auffallen, sonst bist du dran. Wenn er aus solchen Nächten hochfuhr mit zerschlagenen Gliedern und zermürbtem Kopf, dann ahnte er, daß er zum Fremden geworden war, zwischen ihm und seinen Mitmenschen eine trübe Wolke hing, die sich so schnell nicht verziehen würde.

Erlösung fand Szymanski erst im Lager. An einem regnerischen Tag im Oktober 1946 kam er wieder, aus einer Augenblickslaune heraus, im Anschluß an einen Ausflug nach Krakau. Der erste, der ihm über den Weg lief, war ausgerechnet ein alter Kamerad, gemeinsam mit ihm eingeliefert, die Nummer nach ihm, 20035. Du bleibst hier, wir brauchen dich, sagte Tadeusz Wasowicz, der im Jahr darauf zum ersten Direktor der Gedenkstätte ernannt werden sollte, es muß gewesen sein wie der Ruf eines Propheten. Szymanski erbat sich eine Nacht Bedenkzeit und stapfte über die Leichenfelder von Birkenau, um seine Widerstandkraft an den Bildern zu messen, die aus der Erde hochstiegen. In der Nähe des Krematoriums raschelte etwas im Gebüsch. Er schlich sich an, es waren bloß Blätter im Wind; so "lernte ich", sagt Szymanski, "daß es keine Geister gibt". Am nächsten Morgen fuhr er nach Lancut, löste sein Nachkriegs-Leben auf und zog wieder in Auschwitz ein. Man gab ihm das alte Feldbett eines SS-Manns, brachte ihn im SS-Revier unter, es war kalt, es gab kaum etwas zu essen. Er war angekommen.

Wenn Szymanski über die Zeit damals erzählt, mit geschlossenen Augen ins Leere hinein, als würde er auf ein Echo warten, dann hört es sich an wie die Gründungslegende einer neuen Religion. Sechzehn oder achtzehn sind sie gewesen, so genau kann er es nicht mehr sagen, lauter Davongekommene, die nicht loskamen von dem, was sie überlebt hatten. Ihr erstes Hauptquartier hatten sie in einer alten Musikschule unweit des Lagers, in dem noch polnische und sowjetische Soldaten mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt waren. Jeden Abend trafen sie sich, um gemeinsam zu essen und ihre Geschichten auszutauschen, Litaneien des Leidens. Niemand hakte ungläubig nach, keiner konnte des anderen Wunden aufreißen, weil jeder dieselben hatte. Allmählich verloren die Träume ihren Schrecken, konnte er wieder durchschlafen. "Ich habe meine Steine verteilt, und dabei sind sie immer leichter geworden", sagt Szymanski, ein Sisyphos, versehen mit dem Trost der Freundschaft.

Daß man sie nicht vertrieben hat, wundert ihn manchmal noch heute. "Strenggenommen waren wir illegal hier", und die Pflicht, die sie sich aufgeladen hatten - das Vernichtungslager Auschwitz vor der Vernichtung zu retten - leuchtete durchaus nicht jedem ein. Was sollte man einem solchen Ort schon anfangen? War es nicht der verständlichste Reflex, das ganze Gelände, die Todesblocks und die Wachtürme, die Baracken und die Stacheldrahtzäune, die Gaskammern und die Leichenverbrennungsöfen einfach zu schleifen, niederzubrennen, aus der Welt zu schaffen? Wohin mit den Überresten des Verbrechens? Was tun den Bergen von Brillen, Rasierpinseln und Zahnprothesen, den Koffern, den Gebetsschals, den 348 820 Herrenanzügen, den 13 964 Teppichen, den sieben Tonnen Haar, zu denen es keine Menschen mehr gab?

So ist es vielleicht Szymanski und seinen Kameraden zu verdanken, daß Auschwitz heute noch steht. Jeden Morgen bezogen sie Posten im Lager, zwischen den Soldaten, die aus Respekt vor den Überlebenden zurückwichen, und gaben acht, daß nichts mehr wegkam aus den Magazinen der Todesfabrik. 40000 Schuhe sollen die Sowjets bei der Befreiung vorgefunden haben, nun waren es schon viel weniger. Die Bewohner der umliegenden Dörfer, die nach dem Krieg zurückgekehrt waren, litten so bittere Armut, daß es sie nicht störte, in den Schuhen von Vergasten herumzulaufen. "Sie haben", erzählt Szymanski, "sogar in den Hühnerställen geschlafen, die von der SS angelegt worden waren".

Erst im Juli 1947 ernannte das Warschauer Parlament Auschwitz - wie Majdanek und Treblinka - zur Gedenkstätte. Szymanski wurde Leiter der Besucherbetreung, ein Posten, den er bis Ende der 50er Jahre innehatte. Danach übernahm er - bis zu seiner Pensionierung im April 1977 - die Sammlungen des Lagermuseums.

Die Menschen, die sich im erschöpften Europa der frühen Nachkriegsjahre nach Auschwitz aufmachten, hatten wenig mit den Tagestouristen von heute gemeinsam, den "wilden Besuchern", wie Szymanski sie verächtlich nennt, die in ihren Sportklamotten lärmend an den Häftlingsbaracken vorüberhasten, Horror-Sightseeing, Familienschnappschüsse in der Gaskammer inklusive. "Damals waren es noch Pilger", sagt er, stumme Menschensäulen, denen es angesichts des Ortes jede Sprache verschlug. Und nicht selten Verzweifelte, die nach Spuren ihrer verschwundenen Angehörigen forschten. Szymanski führte sie an die Birkenauer Rampe und ließ sich anschreien. "Warum lebst du noch", schrien sie, "und meine Eltern sind tot?" - "Fast war es, als müßte ich mich entschuldigen", erinnert er sich. Doch er ließ es geschehen, behalf sich mit Trost-Improvisationen. Vielleicht wären sie ja noch im Ausland, sagte er, und hätten bloß keine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme.

Bald fanden sich auch die ersten deutschen Auschwitz-Besucher ein, und es war an Szymanski, sie zu führen. Er beherrschte die Sprache der Mörder am besten, noch aus seiner galizischen Kindheit; das muß ein Irrtum sein, hat er 1939 gedacht, als die Deutschen in Polen einmarschierten, sie waren doch immer so nette Leute. Nun hörte er sie wieder, es fiel ihm nicht leicht. "Jedesmal, wenn so einer kam", erzählt er, "habe ich mir vorstellen müssen, wie er wohl unter einem Stahlhelm aussähe". Aber dann hat er sich den Widerwillen doch verdrückt, indem er die Erinnerung an seine deutschen Mithäftlinge mobilisierte - gegen die viel schwerere an die Männer von der SS. "Und selbst unter denen", beeilt er sich hinzuzufügen, "gab es doch anständige Menschen". Sich bloß nicht den Blick der Nazis angewöhnen, das Selektieren und Einteilen. Wer zu ihm kam, wurde gut behandelt, vor Auschwitz sollte jeder gleich sein.

Bei dieser Haltung ist Szymanski tapfer geblieben, auch wenn er oft Grund hatte zur Verzweiflung. Er hat sie kommen sehen, die Generation mit der Arroganz der späten Geburt, für die auch Auschwitz nur Rohmaterial für narzißtische Selbstbespiegelung und preziöse Seelenverrenkungen ist. Da war der Junge, der stolz erzählte, er sei gekommen, um seinen Vater, einen alten Nazi, zu ärgern und von Szymanski Rat für den familiären Kleinkrieg erbat. Da war der Teenager, der dankbar mitteilte, sein Auschwitz-Erlebnis hätte ihm geholfen, von den Drogen loszukommen. Und da war die junge Frau aus Deutschland, die ihren Besuch als aufwendig hysterisches Schauspiel inszenierte; als Kind, erzählte sie, wäre sie aus dem Warschauer Ghetto nach Birkenau deportiert worden. Schaffen Sie es denn, hat Szymanski sie voller Mitgefühl gefragt; ja, es muß sein. Ein Jahr darauf bat sie ihn in einem langen Brief um Verzeihung, sie habe sich das alles nur ausgedacht, er dürfe ihr das nicht übelnehmen. Sie hätte sich immer tiefer hineingesteigert in ihren Auschwitz-Wahn, und nun habe ihr Mann sie verlassen, vor lauter Enttäuschung, doch keine jüdische Märtyrerin geheiratet zu haben.
Szymanski las es - und bat einen deutschen Bekannten, der Frau unter die Arme zu greifen. Was sonst hätte er tun sollen? Er mußte weitermachen, er hatte eine Pflicht, die größer war als jeder Ärger, den sie ihm eintrug, größer als er. Und war es nicht so, daß er meistens gewann? Selbst Blinden hat er Auschwitz beigebracht. Als sie damals kamen, eine Gruppe aus Deutschland, ließ er sie um einen großen Tisch Platz nehmen und gab jedem von ihnen alte Holzpantinen zum Betasten. Das sind aber jämmerlich abgelaufene Treter, Herr Szymanski, sagte einer von ihnen, in denen konnte man doch nur stolpern. Ja, sagte Szymanski, und dann erzählte er ihnen, daß die Häftlinge, die sich den Knöchel brachen und nicht zum Arbeiten taugten, meistens erschossen wurden. Einen selbstgebastelten Reliefplan des Lagers haben sie ihm zum Dank geschickt. Seitdem kann, wer keine Augen hat zu sehen, die Topographie der Vernichtung mit den Fingern nachfahren.

Die Tragödie Szymanskis ist es, daß er in seinem Kampf für die Erinnerung immer häufiger Niederlagen einstecken muß - und das liegt nicht alleine daran, daß der Gedächtnisverdruß der Nachgeborenen nun kaltschnäuziger auftritt. Für ihn ist das Lager immer ein realer Ort gewesen, eine Summe unzähliger Einzelheiten und sich kreuzender Geschichten, ein riesiger Kosmos, in dem jeder Stein und jeder Grashalm eine unverrückbare Bedeutung hat. Für uns dagegen ist Auschwitz etwas völlig anderes: Symbol des Martyriums, Schandmal deutscher Schuld, Kristallisationskern politischer Identitäten, Ausgangspunkt soziologischer Theorien, Anlaß für pathetische Gedenkrituale - kurzum, ein imaginärer Ort, der eher im Bewußtsein liegt als hier in Polen an der Gabelung von Weichsel und Sola. Je weiter sich die Geschichte vom realen Auschwitz entfernt, desto mehr verwandelt es sich in ein Bild - bloß ein Bild. Der Lauf der Welt? Gewiß. Aber einen wie Szymanski schnürt es immer enger mit Schwermut zu.

Die Feiern im Januar 1995 zum 50. Jahrestags der Befreiung: eine einzige Kränkung. Man hat jede Menge Politiker und Nobelpreisträger eingeladen, aber auf die Anwesenheit der Überlebenden verzichtet; er selbst, erzählt er verbittert, sei fast von einem Sicherheitsbeamten festgenommen worden, als er in seine Wohnung wollte. Die erbitterten Auseinandersetzungen, ob Auschwitz eher ein Ort des jüdischen Holocaust oder des polnischen Leidens gewesen ist: kleinmütige Spiegelfechtereien, die noch Tote für den ideologischen Grabenkampf rekrutieren wollen. "Niemand hat ein Monopol auf Auschwitz", murrt Szymanski, "damals waren wir alle nur Überlebende". Die Hollywood-Filme, in denen die Kleidung der Häftlinge gut gebügelt ist: "als hätte man sich damals um uns gesorgt". Die Lieblosigkeit, mit der die Massengräber der ermordeten Sowjet-Kriegsgefangenen links liegen gelassen werden, seitdem der Kommunismus von der historischen Bühne abgetreten ist: "Ja, wenn es Amerikaner gewesen wären, dann würde man sich um sie kümmern", sagt Szymanski resigniert - als dächte er, daß jeder einzelne Tote ein zweites Mal sterben müßte, wenn man ihm kein namentliches Zuhause in der Erinnerung gäbe.

Als dann der Abend herabdunkelte, sind wir wieder die drei Kilometer nach Birkenau gefahren, wie vor sechs Jahren, als ich Szymanski das erste Mal besucht hatte. Damals wollte er mir den Verfall des Lagers demonstrieren und führte mich durch die Häftlingsbaracken, die im Lauf der Jahre immer morscher geworden waren und sich aufzulösen begonnen hatten. Und am Ende unseres Spaziergangs war er mir zum Stacheldraht gegangen, der die Todeszone umgab. "Sehen Sie doch", hatte Szymanski geklagt, "der Rost frißt alles auf, ganze Stücke fehlen schon, wir bekommen einfach nicht genügend Geld von der Regierung, um das alles zu ersetzen". Und obwohl ich genau verstand, wie Szymanski es meinte, war ich damals so erschrocken gewesen wie kaum je zuvor in meinem komfortablen Leben. Das Lager neu umzäunen, mit frischem ausbruchssicheren Stacheldraht? Auschwitz restaurieren? Statt zu hoffen, daß es endlich von der Erde verschwand, sich in Staub auflöste, als wäre es nie dagewesen?

Diesmal schien alles ganz anders. Die Gedenkstätte hatte Geld bekommen, auch von der deutschen Regierung, und damit war unter anderem der Weg durch das berühmte Tor befestigt worden, solider Asphalt, und man hatte einige Baracken eingerüstet. Endlich kümmert man sich darum, sagte ich zu Szymanski, aber der alte Mann sah kreuzunglücklich aus.

"Kommen Sie", sagte er, und wir betraten eine der bereits sanierten Baracken: Es roch nicht mehr so feucht wie in meiner Erinnerung, und sie hatten die Stockbetten restauriert, in die soviele Häftlinge gepfercht worden waren, daß auch der Schlaf keine Erlösung war und jeder, der sich umdrehte, alle anderen in der Reihe quälte.

"Sie haben alles falsch gemacht", sagte Szymanski, langsam, als wolle er jedes Wort einzeln stützen. "Es gibt keine Spalten mehr zwischen den Brettern. Als ich hier lag, in der unteren Etage, da fiel mir nachts Stroh ins Gesicht, wenn sich oben einer bewegte".

"Ist das denn so wichtig", fragte ich.

"Ich habe doch sogar eine Geschichte darüber geschrieben. Wie ich davon aufwache, daß mir Stroh ins Gesicht fällt. Die muß ich jetzt wegwerfen. Verstehen Sie doch: Jeder würde denken, ich hätte gelogen. Jetzt sieht das alles so aus, als hätten wir gut gezimmerte, bequeme Betten gehabt".

Dann saßen wir wieder im Auto, müde, stumm, zwei Fremde, denen die Konversation ausgegangen waren. Als wir hinter der Villa des Lagerkommandanten nach links abbogen und auf den Parkplatz zurollten, ein paar Schritte von der Gaskammer entfernt, sagte Szymanski: "Endlich wieder zu Hause".

Der Text wurde 1996 in "Amica" veröffentlicht.







Mittwoch, 14. Januar 2015

Vom siebenten Traum dieses Jahres habe ich noch in Erinnerung: die Schultern der Freiheitsstatue von hinten, bläulich. Als wäre ich mit einem Hubschrauber unterwegs gewesen.

[Vor dem Einschlafen über die Kalküle Stalins beim Stalin-Hitler-Pakt gelesen; dass er dann zuerst hartnäckig nicht an den Einmarsch der Nazis geglaubt hatte, Propaganda, die ihn dazu verleiten sollte, Deutschland anzugreifen, als die Front dann immer näher an Moskau heranrückte, Abtauchen in seine Datscha, nach zwei Tagen fahren Genossen aus der Führung zu ihm hinaus, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten, er ist nervös, hat Angst, erschossen zu werden. Wäre es gut gewesen, hätte es jemand getan? Hätte jemand anderer als Stalin Hitler besiegen können?]







Im sechsten Traum dieses Jahres stand ich an einem Schreibpult, von Papierstapeln, Büchertürmen, Krimskrams umzingelt, beeilte mich, etwas fertig zu schreiben, ehe Okka zurückkam, euphorisch, sie bald wieder zu sehen, der letzte Satz, den ich schrieb, ehe es an der Tür läutete, lautete: Frischer Fisch ist gut für den Geschmack, ich war stolz auf diesen Satz, er kam mir vor wie eine Erleuchtung.

Das Irritierende daran: Okka hat eine Fischphobie, Erinnerungen an eine Großmutter, die an Karpfengräten saugte, nur bei klarem Wasser ins Meer, falls kein Schwarm in der Nähe ist.







Bei Ikea. Plötzlich Männer in Kampfanzügen, Schreie, Schüsse, ich wachte noch rechtzeitig auf: Das war der fünfte Traum dieses Jahres, in der Nacht nach dem Massenmord in der Redaktion von Charlie Hebdo, ich konnte danach lange nicht wieder einschlafen. Ich bin nicht Charlie.







Mittwoch, 7. Januar 2015

In der sechsten Nacht des Jahres weckte mich Okka, komm, sagte sie, dein Kind spuckt, & während ich benommen zusah, wie sie dem Kind die Haare abwischte & benommen die Feuchttücher holte & benommen Decken schleppte, neue Betten baute, tat mir der Knöchel weh, als hätte in Paris an der Place des Pyramides ein Auto mich aus dem Dunkeln angefahren, aber es war kein Traum, sondern der Anfang von Modianos Unfall in der Nacht, den ich vor dem Einschlafen gelesen hatte, warum aber tat mir mein Knöchel weh, wie konnte mein Knöchel träumen?







Dienstag, 6. Januar 2015

Gegen Pegida sein ist Ice Bucket Challenge im Winter.







Montag, 5. Januar 2015

Am 12. November hing um einen Baum, an dem ich fast jeden Tag mit dem Rad vorbeifahre, eine Todesanzeige gebunden, Trikolore-Farben, ein junger Mann, der zwei Häuser weiter fast eingezogen wäre, vielleicht hätte ich ihn irgendwann gesehen, gegrüßt, passiert hier hin und wieder, ich googlete dem Namen hinterher, schlimme Geschichte, was für ein Scheiss, dachte ich, 2014! Der Zettel hängt immer noch da, fast zwei Monate später, ein wenig ausgewaschen vom Regen vor Weihnachten und den zwei Tagen Schnee zwischen den Jahren, aber noch lesbar, niemand hat ihn abgenommen. Im Tagesspiegel vor drei Wochen ein Nachruf, erst heute gesehen, darin:

Bestattet wurde Felix, der Glückliche, das Sorgenkind des Lebens, anonym neben dem Familiengrab. Er wird keinen eigenen Grabstein erhalten, sein Name wird nicht auf dem der Familie erscheinen.
Aber hier auf dem Baum zwei Häuser weiter. & hier.







Wenn sie bei der Pizza plötzlich fragt, ob das Christuskind tot ist, & ich ja sage, & sie wissen will, warum, & ich sage, dass alle tot sind, die vor 2000 Jahren gelebt haben, weil niemand so lange lebt, & sie fragt, warum es gestorben ist, und mir nichts anderes einfällt als zu sagen, es hätte einen Unfall gehabt (weil sie Unfall versteht, aber das Menschentöten noch nicht), & sie fragt, was für einen Unfall, und ich mit einem Baum sage, & sie sich aber keine Baumunfälle vorstellen kann, ich glaube, weil sie in diesem Augenblick Angst davor bekam, selbst einen Baumunfall zu haben (oder Mama oder ich), & sie fragt, ob es geblutet hat, & ich ja sage, & sie fragt, wo es geblutet hat, & ich an den Händen und an den Füßen sage (der Moment, in dem man lernt, was eine Kreuzigung ist, hau ab, blöde Welt, jetzt noch nicht), & sage, dass es aber im Himmel ist, & sie fragt, ob alle in den Himmel kommen, & ich ja sage, alle, & sie fragt, ob Lulu auch (die Katze in Brooklyn im letzten Sommer) und Mamas Hund und meine Katze, die wir als Kinder gehabt und von denen wir ihr manchmal erzählen müssen, & ich ja sage (und mir vornehme, nachzuschlagen, was die Theologie dazu sagt, obwohl mir scheißegal ist, was die Theologie sagt), & sie dann erzählt, wie ihre Tiere gestorben sind, die Tiere, die sie sich in diesem Augenblick ausdenkt, gegen Bäume gelaufen, sagt sie, gestürzt, & dann sind sie gestorben, & dann sagt, dass sie aber nicht will, dass irgendjemand tot ist, & wissen will, warum alle tot sind, & ich sage, dass es sonst keinen Platz mehr gäbe, zu viele Menschen (was für ein Scheißargument), aber dass alle ja im Himmel seien & später einander wieder sehen und Parties miteinander feiern könnten, alle, fragt sie, alle, sage ich, & dann essen wir weiter, aber heute Morgen hat sie wieder nach dem Christuskind gefragt, ob es wirklich tot sei, & ich frage, warum sie denn vom Christuskind redet, wer ihr vom Christuskind denn erzählt hat (wir nicht, wir glauben an nichts, nichts, nichts, an die Liebe & das Kuscheln & Festhalten & die Picknicks und die Parties mit den Tieren & allenallenallen), & sie dann sagt: weil es doch die Geschenke bringt, du Blödmann, & ich, ein wenig erleichtert, sage, dass sie ihre Geschenke immer bekommen wird, alle Jahre wieder ---

--- & what would Dawkins do?, oder Hitch?, oder irgendeiner der anderen Atheismus-Champs? Das war so ein Mensch, von dem manche Leute glaubten, er wäre ein Gott, war er aber nicht, weil es das nicht gibt, und der an ein Kreuz geschlagen wurde, aber lass mal, ist nicht so wichtig,

--- dieser Irrsinn manchmal, wenn wir an Stolpersteinen vorbeikommen, ob die tot sind, fragt sie, ja, sage ich, warum, ich weiß nicht, sage ich, das ist nur halb gelogen, weil ich es ja tatsächlich in den Details nicht weiß, & sie dann achtgibt, nicht auf die Stolpersteine zu treten oder einmal einen putzen wollte, weil da Dreck drauf lag, & mir natürlich wieder einfiel, wie viele in ihrem Alter aus den Häusern verschleppt worden sind,

& und du auch?, wollte sie wissen, und Mama auch?, ob wir auch einmal tot seien, & ich sie fragte, ob sie noch ein zweites Stück Pizza wolle, Pizza, jubelte sie, lecka, mit dieser Euphorie, die ich nicht mehr schaffe, bei keinem einzigen Wort

& heute morgen, ehe sie sich wieder nach dem Christuskind erkundigte, lag sie noch bei ihrer Mama, das letzte Kuscheln, ehe es wieder in die Kita ging, beschloss, Paddington einen Brief zu schicken & schrieb mit den Zeigefinger ihrer linken auf die Fläche ihrer rechten Hand, dass Paddington gerne bei uns leben kann, freuen würden wir uns, aber dass er bitte nicht unser Bad kaputt machen und seine Zahnbürste nicht für seine Ohren verwenden soll & dass sie ihm immer Orangenmarmelade kaufen wird & auch einen Regenschirm.







Sonntag, 4. Januar 2015

Im dritten Traum dieses Jahres muss etwas so Schreckliches geschehen sein, dass ich mit einem Nein-Schrei aufwachte, um dann vergebens zu versuchen, mich an den Schrecken zu erinnern. Nichts.







Nächste Seite