Das Haus hatte drei Etagen, eine Veranda, einen kleinen Garten, vier Badezimmer, einen Whirlpool. Merkwürdiges Internet.

Auf der anderen Seite des Hudson Rivers stand wieder ein World Trade Center. Ein Turm, nicht mehr zwei. „Du musst es jetzt alleine schaffen“, dachte ich.

Als wir im Jahr vor Fannys Geburt in New York gewesen waren, hatten wir noch in eine tiefe Grube gesehen, an den Zäunen Zettel, Flugblätter, Blumen. Nun, am gegenüberliegenden Ufer, schämte ich mich, weil ich bei meinen Versuchen, mir den 11.September vorzustellen, immer die Fähren vergessen hatte, die an jenem Tag Davongekommene aufgenommen und über den Hudson River nach Jersey City evakuiert hatten. An der Waterfront erinnerte eine Tafel an die Feuerwehrmänner, die ums Leben gekommen waren: You went in, when we came out. Ein verbogener Stahlträger, um dessen Nieten Menschen Freundschaftbänder gewickelt hatten, ein Block weiter ein Denkmal für die in Katyn von der Roten Armee ermordeten polnischen Offiziere. Am Tag nach unserer Ankunft kamen wir auf dem Weg zum Spielplatz im Hamilton Park an einem polnischen Veteranenheim vorbei, zwei Wochen später, am Labour Day, begegneten uns auf dem selben Weg zwei alte Männer, die Militäruniformen mit Aufnähern auf den Ärmeln trugen, auf denen „Polska“ stand. Wenn ich in diesen zwei Wochen nachts aufwachte, taperte ich zwei Stockwerke tiefer, um mich mit Zigaretten und dem Kindle auf die Veranda zu setzen und in „Bloodlands“ zu lesen. Ich hatte das Buch schon einmal nach einer Besprechung in der NYRB angefangen und es nach ein paar Tagen wieder weggelegt, weil ich nicht ertrug, wovon es erzählte. Jetzt ging es, vielleicht weil mich der Jetlag mürbe machte. In „Bloodlands“ erzählt Timothy Snyder, wie zwischen 1933 und 1945 in einem Gebiet, das die Ukraine, Weißrussland, die baltischen Staaten, Vorkriegspolen und das westliche Russland umfasst, 14 Millionen Zivilisten getötet wurden - durch die von Stalins Politik ausgelöste Hungersnot in der Ukraine, durch NKWD-Säuberungen, Massendeportationen, ethnische Säuberungen, durch den Holocaust und das Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener, durch Erschießungen und Pogrome. Ich konnte mir das alles nicht vorstellen, weder das Sterben noch das Töten, obwohl Snyder beides ausführlich schilderte, so wie ich mir das Töten und Sterben nie vorstellen konnte, auch nicht, wenn ich mir auf YouTube die Videos ansah, von denen es bei Spiegel Online hieß, dass sie im Internet aufgetaucht waren, es dauerte immer nur ein paar Minuten, bis ich sie fand und drei, vier Mal hintereinander abspielte. Es gab daran nichts zu verstehen, jemand kam und schoss Menschen, die dafür ausgesucht worden waren, in den Hinterkopf oder schlug sie mit einer Schaufel tot oder ließ sie noch ein wenig Gras und Erde fressen, ehe sie verhungerten, oder die Gräber ausheben, in die sie dann hineingeschossen wurden, jemand entführte ein Flugzeug und ließ es in ein Hochhaus stürzen. Wenn nach zwei, drei Stunden die Müdigkeit wieder stärker als die Jetlag-Wachheit war, machte ich den Kindle aus, schloss die Verandatür ab und stieg wieder hoch, um mich zu den beiden ins Bett zu legen und noch ein paar Stunden zu schlafen, Fanny zwischen uns. Meistens wachte ich davon auf, dass ich sie im Badezimmer lachen hörte, Okka hatte Justin Timberlake angemacht oder das Dollar-Lied, wie Fanny es nannte, Dollar Dollar bettelte sie, bis Okka es anmachte, dann tanzte sie zu den ersten anderthalb Strophen, es ging ihr immer nur um den Anfang, das Glück des Wiedererkennens. Warum schläfst du nicht, fragte Okka, Jetlag, sagte ich und erzählte ihr nicht von den „Bloodlands“. Ich hatte nicht wirklich nach New York gewollt, weil ich mir nicht vorstellen hatte können, mit einem zweieinhalbjährigen Kind durch New York zu laufen, und weil es mir seltsam vorgekommen war, so weit zu reisen, um dann auf Spielplätzen zu sitzen. Aber nun war es wie immer, wenn ich in Amerika gewesen war, schon in der Schlange vor der Passkontrolle war ich glücklich. Fanny, die sich den ganzen Flug über bestens unterhalten hatte, versuchte sich mit dem Immigration Officer zu unterhalten, wie sie mit jedem zu sprechen versucht, auf der Zugfahrt von Newark nach Jersey City fragte sie ständig, ob wir jetzt in Merika seien und freute sich, wenn wir es bejahten. Es war so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Zwei Wochen lang tat ich nicht viel anderes, als mit ihr auf Spielplätze zu gehen, die Hälfte der Zeit ohne Okka, die ihre New York-Liste abarbeitete. Ich hatte keine New York-Liste, auch das Vergnügen, mich stundenlang in Buchläden herumzutreiben, war mir abhanden gekommen, das eine Mal, als wir doch zu Barnes & Noble am Union Square gingen, hatte ich nach ein paar Minuten keine Lust mehr, nach Büchern für mich zu suchen und setzte mich lieber zu den beiden in der Kinderbuchabteilung auf den Boden. Wie geht es dir, simste Hanna, ich bin sehr glücklich, simste ich zurück, das hast du mir zuletzt bei Fannys Geburt geschrieben, for the record, simste Hanna, das liegt aber auch daran, dass wir nicht so oft simsen, dachte ich, aber sie hatte recht, in diesem Sommer bin ich glücklich gewesen wie lange nicht mehr. Anderthalb Jahre lang bin ich viel zu oft genervt gewesen, doch jetzt saßen wir bei Nalu, aßen Hamburger und redeten darüber, ob wir die Bücher schreiben sollten, die man von uns wollte, und über die Jobs, die man uns angeboten hatte. Ich schrieb endlich wieder mehr, statt darüber nachzudenken, warum die Geschichten, die ich hatte schreiben wollen, keine Geschichten waren, und mich zu ärgern, wenn sie drei, vier Wochen später in anderen Blättern auftauchten, schlechter, als wenn ich sie geschrieben hätte. Es war wieder so geworden, wie es sein sollte, man telefonierte fünf, zehn Minuten, pingpongte ein wenig, dann legte man los, ohne zu wissen, was sich dabei genau ergeben würde, meistens ergab sich ja etwas. Die Sonne schien. Wir saßen bei Nalu. Wenn die Kellnerin da war, die ich so mochte, lief Creedence Clearwater Revival oder John Coltrane. Ich schrieb wieder. Fanny tanzte.

Wie immer, wenn ich in anderen Städten bin, hatte ich auch in Jersey City nach zwei, drei Tagen einen Lieblingsplatz gefunden: die Bänke an der Anlegestelle der Hudson River Ferries. Wir saßen da und schauten hinüber nach Manhattan, nur eine Flußbreite von uns getrennt, aber sehr viel entfernter erscheinend. Vielleicht hatte es mit dem milchigen Licht zu tun, in dem die Stadt lag, vielleicht mit ihrer Stille, man hörte kaum etwas von ihr. Die Möwen schrien. Die Fähren hupten. Die Freiheitsstatue hielt ihre Fackel in den Dunst, Fanny nannte sie Freiheitsfrau. Die Spitze des Empire State leuchtete in der Sonne. Auf dem Hudson fuhren Lastkähne und Segelboote. Das World Trade Center stand wieder. Alles war gut. Wenn Fanny sich an den Hochhäusern und den Schiffen und der Freiheitsfrau sattgesehen hatte, setzten wir über. Ein paar Schritte von der Fährstation im Battery Park lag der Spielplatz, den wir am dritten Tag gefunden hatten und in dem sie sofort jubelnd losgerannt war, kein Abwarten, keine Schüchternheit mehr, irgendwann während der Monate, in denen wir mit ihr bei den Ärzten und im Krankenhaus gewesen waren, war sie groß geworden, kein Baby mehr, sie bestand darauf, wenn wir sie aus Gewohnheit, Nachlässigkeit, Liebesverklebtheit behandelten, als wäre sie noch zweieinhalb statt schon fast drei. Abends, im Haus, kam ich mir manchmal wie das Kind eines alten Ehepaares vor. Die beiden saßen im Chillzimmer, wie Fanny es nannte, auf dem Sofa, aßen Erdnussbuttereis, Okka sah sich Newsroom an, Fanny auf dem Ipad ihre YouTube-Kindervideos, ich lag auf dem Boden. Wenn man mir die Unbändigkeit nicht schon in der Kindheit ausgetrieben hätte, hätte ich in solchen Augenblicken vor Glück lostanzen oder loshüpfen oder losbrüllen müssen, scream the shit out of me.

Manchmal saß ich bloß da und sah Fanny bei ihren Aufgeregtheiten zu, über die Hochhäuser, die Schiffe, die Freiheitsfrau, die Eichhörnchen im Central Park, die Fontänen im Hamilton Park. Zu den Kollateralschäden, mit denen man nicht rechnet, wenn man ein Kind bekommt, gehört auch die Wehmut. Der Freiheit, dem Unbändigsein, dem Glück, der Euphorie eines Kindes kann man nicht lange zusehen, ohne dass einem immer wieder einfällt: Das wird nicht so bleiben.

Ein dreiviertel Jahr später, in einem Sommer, der schon im Mai begonnen hatte und der großartig zu werden versprach, las und übersetzte ich Truman Capotes Geschichte „A Beautiful Child“, die er 1979 für „Interview“ geschrieben hatte. Sie handelt von einem Tag, den Capote mit Marilyn Monroe verbringt und der an einem Fähranleger am South Street Pier am East River endet. Beim Abschiednehmen wiederholt Marilyn eine Frage, die sie schon früher am Tag gestellt hat: was er über sie sagen würde, wenn ihn jemand fragen würde, wie sie ist, wirklich ist,

I wanted to lift my voice louder than the seagulls’ cries and call her back: Marilyn! Marilyn, why did everything have to turn out the way it did? Why does life have to be so fucking rotten?)
TC: I’d say …
MARILYN: I can’t hear you.
TC: I’d say you are a beautiful child.

Selbstverständlich haben in dem dreiviertel Jahr seit diesem Foto

alle mit ihren jeweiligen Angelegenheiten weitergemacht, [Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock'n'Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter], Griechenland, hieß es, mache Fortschritte, Portugal, hieß es, war über den Berg, Ägypten hatte eine stabile Regierung, Russland hatte Interessen, der Iran war wieder im Spiel, der Maidan sollte endlich wieder geräumt werden. Ich kenne immer noch genügend Menschen, die mir das alles erklären könnten, aber ich kann ich es auch bleiben lassen, mir etwas erklären zu lassen, denke ich. Rationalität hat etwas so Irrationales gerade, sie lässt einem die Dinge erscheinen, als geschähen sie aus vernünftigen Gründen und als müsste man nur an ein paar Schrauben drehen, damit die Welt wahrhaftig rational werden, endlich nicht mehr unter ihren Möglichkeiten bleiben würde. Doch das stimmt nicht.








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truman und marilyn
waren während ihrer new york days freunde geworden
dreharbeiten für the seven year itch
das foto mit dem wehenden kleid
anfreundung mit den strasbergs
während des schauspielunterrichts an deren actors school
lernte sie platos apologie des sokrates auswendig
und ging mit truman aus
es war eine wilde erkenntnisreiche befreiende zeit für sie

und capotes frühstück bei tiffany atmet
die erlebnisse der beiden
truman wollte sie als holly in der verfilmung
daraus wurde nichts
die magersüchtige hepburn bekam den zuschlag

sie bewarb sich um die gruschenka rolle
in dostojewskis brüder karamasov verfilmung
man nahm die pausbäckige maria schell

truman und marilyn waren eine grossartige freundschaft

truman hatte gesehen
dass marilyn und joe dimaggio sich auseinanderlebten
und das als hintergrundidee für sein buch genommen
das filmdrehbuch wurde dann zum happy end verbogen

marilyn und joe waren sich die liebe ihres lebens

wie marlene dietrich und jean gabin
mit dem sie gegen die nazis gekämpft hatte

die szene in sinatras calneva lodge
dem mafiaareal auf der staatsgrenze californien nevada
marilyn war von zuhältern verprügelt worden
und stahl sich heimlich in den swimmingpool
hinter der staatsgrenze am ufer joe
en letzter sentimentaler blickwechsel
das ende einer amour fou
untergang eines traums
und zweier seelen

marlene zog sich schliesslich in die avenue montaigne zurück
hoffte jean würde noch einmal zu ihr finden
und ersoff in whiskey und depressionen
starb an unerwiderter sehnsucht

wenn eine grosse liebe nicht gelebt wird
verlieren diamanten ihren glanz
und das leben seine seele

j und ich
wir sind uns die liebe unseres lebens
sie traute sich nicht zur amour fou
brach den kontakt ab
und zog sich zurück

seitdem sind wir beide hin und hergerissen
nächste woche ist showdown

calneva lodge und avenue montaigne
meine alpträume


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