Abteilung: Mikroliebe

TAGSÜBER will sie weg. Sie stellt sich an die Tür, bringt die Schuhe, zieht sich die Mütze über den Kopf. Wenigstens ins Treppenhaus, die Treppen hoch bis zum Dachboden, das kann sie jetzt. Wenn einer von uns geht, will sie mit, sie weint, wenn sie mit dem anderen dableiben muss, man hört sie noch zwei Etagen tiefer und wird schneller, um ihrem Weinen zu entkommen, verbietet sich das Umkehren, weil sie dann zweimal weinen müsste. ¶ Sie schiebt ihr Essen weg, will stattdessen meines haben, selbst wenn es dasselbe ist, nicht mehr das Vorgeschnittene, sie will selbst schneiden, mit meinem Messer, sie mag meine Gabel, nicht ihre Kindergabel, will aus meinem Glas trinken, den Blutorangensaft, sogar den koffeinfreien Kaffee, den es immer noch gibt, obwohl O. längst nicht mehr stillt, für die Kaffeegier nachts, damit wir nicht senkrecht im Bett stehen, obwohl wir schlafen könnten, sobald man ein Baby hat, teilt man sich das Schlafen ein, es ist eine knappe Ressource, da leistet man sich keinen Leichtsinn. Sie hat nichts gegen Bitteres, die Zeit, in der jeder neue Geschmack in ihren Körper fuhr wie ein elektrischer Schlag, ist vorbei, sie ist bedächtiger geworden, schmeckt den Geschmäckern nach, strampelt nicht mehr, wenn etwas süß, neu ist. Sie denkt nach jetzt, jedenfalls sieht es so aus, dann will sie noch eine Gabel, noch einen Löffel, oder nichts mehr, falls es nichts für sie ist, erstaunlich oft aber dringend genau das, von dem ich dachte, dass es einem kleinen Kind ganz sicher nicht schmeckt. ¶ Sie hat begonnen, Werkzeuge zu verwenden. Wenn sie merkt, dass sie zu klein ist, um sich die Dinge auf dem Tisch greifen zu können, schiebt sie sich ein Podest herbei, auf das sie klettert, dann schafft sie es. Das wichtigste ihrer Werkzeuge ist meine Hand. Wenn sie mit ihrer eigenen Hand nicht tief genug in meine Hosentasche kommt, nimmt sie meine und schiebt sie in Richtung meiner Hosentasche, ich soll für sie hinein und ihr geben, was sie darin vermutet. ¶ Sie hat sich von uns abgeschaut, wie man einen iPad oder ein iPhone benützt, sie legt zwei Finger auf die Schiebereglersimulation, schiebt sie nach rechts, macht sich die Apps auf. Lange war es nur das Wimmelbuch: drei Tableaus, auf denen man Menschen und Tiere antippen und in Handlungen ausbrechen lassen kann, ein Schwein pupst einem Lamm in die Nase, ein Krokodil guckt unter einem Gullydeckel hervor, ein Hund zieht einen Mann über die Straße. Sie entwickelte schnell Vorlieben. Sie mochte das Pupsschwein und den Trompete spielenden Teddybär, sie patschte oft auf das Bett, in dem ein Baby schlief, das zu heulen begann, wenn es angestupst wurde, bis eine Frau kam und es tröstete, indem sie das Mobile über dem Babybett in Bewegung setzte. Immer wieder stupste sie genau das an, setzte die Sequenz von Weinen und Trösten in Gang. ¶ Ohnehin hatte sie damit begonnen, sich für Babys zu interessieren. Sobald eines im Fernsehen schrie, unterbrach sie sich und schaute gespannt hin, wenn in ihrer Gegenwart andere Babys heulten, streichelte sie ihnen über den Kopf, eieiei, sagte sie, so wie ich eieiei sagte, wenn ich sie streichelte, um sie zu trösten. Es gab also schon Lebewesen, von denen sie dachte, sie seien wie sie, von derselben Art und derselben Bedürftigkeit, es rührte mich, wie sehr sie sich um ihre Leute kümmerte. Manchmal sah sie uns an, wenn sie ein Baby heulen hörte, tut doch was, was hat es denn, schien das zu bedeuten. ¶ Sie schien viel zu sagen. Dabei konnte sie gerade erst fünf Wörter, die ich als Wörter identifieren konnte, nei, ei, hai, Mam und Bab, meistens kamen sie in Wiederholungen, neineinei oder Mamamam oder Babab. Nei, ihr allererstes Wort, bedeutete "nein", eieiei war das Trost- und Liebkosungswort, hai war ein Gruß, Mam war ihre Mutter, Bab war ich. Alles andere sagte sie, indem sie zeigte, indem sie Mams oder meine Hand nahm, indem sie etwas brachte und es einem auf den Schoß legte, indem sie mich zu ihren Büchern, in unser Bett, zu ihrem Bobbycar lotste und mich dann auffordernd ansah. Zum Beispiel wollte sie unaufschiebbar ausgezogen werden, sie legte meine Hand auf ihre Schuhe, wenn ich sie wegzog, nahm sie die Hand von Neuem, bis ich ihr den Gefallen tat, danach musste ich ihr die Socken und danach die Hose ausziehen, bis ihre Beine endlich nackt waren, sie saß da und lachte, schaute ihre Füße an, hampelte vor Vergnügen, nahm die Füße in ihre Hände, streckte mir ihre Füße entgegen, man merkte, wie glücklich sie das machte. Sie verstand immer mehr von dem, was man sagte, es fiel uns meistens nur zufällig auf, plötzlich patschte sie sich auf ihren Bauch, nachdem jemand von uns "Bauch" gesagt hatte, wir vergewisserten uns, dass wir uns das nicht bloß einbildeten, wo ist dein Esel, fragten wir, sie ging ins Nebenzimmer und kam mit ihrem Stoffesel zurück. ¶ Bald hatte sie nicht mehr nur auf die Wimmelbuch-App Lust und begann, reihum die Apps anzustupsen. Bei manchen landete sie immer wieder, bei den Rezepten eines italienischen Kochs, die ich für O. heruntergeladen hatte, oder bei der FM4-App, die einen Wiener Radiosender übertrug, zwei, drei Sekunden, dann setzte Indierock oder Hiphop oder elektronische Musik ein, sie tanzte dazu, wie sie zu fast jeder Musik sofort zu tanzen begann, sich wiegte, wippte, lachte. Ich hatte keine Ahnung, warum sie nie Facebook, den New Yorker, das Mailprogramm oder die NPR-App öffnete, aber immer wieder den FM4-Stream, vielleicht lag es daran, dass die App ungefähr auf der Mitte des Screens lag, vielleicht zog das leuchtgelbe Icon sie an, ich nahm mir vor, die App zu verschieben, um es herauszufinden, und tat es doch nicht, warum sollte ich ihr einen Spaß verderben. ¶ Auf dem iPhone, dessen Ähnlichkeit mit dem iPad ihr sofort klar gewesen war, schaffte sie es, die Foto-App zu öffnen und sich aus den Fotos die Videos zu picken, die man daran erkannte, dass auf den Miniaturansichten Pfeilsymbole zu sehen waren. Sie tippte eine Miniaturansicht und dann den Startpfeil an, das Video ging los, auf dem sie immer sich selbst zu sehen bekam, andere Videos habe ich nie gemacht. 10, 20, 30 Sekunden lang konnte man dabei zusehen, wie sie durch die Küche stapfte oder auf dem Sofa saß und lächelte oder nach dem iPhone griff, mit dem ich sie gerade aufnahm. Jedes Mal, wenn sie sich auf einem dieser Videos sah, patschte sie sich aufgeregt auf die Brust, es war ihr Ich-Zeichen, dasselbe, das sie auch machte, wenn man "wo ist Fanny?" fragte. ¶ Sie beschäftigte sich mit Büchern, ihren eigenen und immer häufiger unseren, obwohl es in ihnen keine Bilder, nur Buchstaben gab, sie holte sich aus dem Regal einen Frisch, einen Proust oder irgendeinen anderen der Bände aus den unteren beiden Reihen, setzte sich in die Kuschelecke, die wir ihr eingerichtet hatten (eine Schaffelldecke nahe der Heizung, ein paar Stofftiere, eine kleine Bilderbuchbibliothek), und blätterte in ihnen, manchmal sah es so aus, als läse sie in ihnen, hin und wieder stellte ich mir vor, dass sie es tatsächlich konnte und darüber nur noch nicht Auskunft zu geben verstand, aber ich wusste, dass diese Vorstellung mit einer Geschichte zu tun hatte, die ich seit Jahren schreiben will und für die ich noch nicht die richtige Form gefunden habe, die Geschichte, die davon erzählt, wie ich, von den Ohrfeigen meiner Mutter angetrieben, das Lesen gelernt habe, um dann beim Lesen, eigentlich durch das Zusammenkauern, die Verkapselung meines Kinderkörpers über den Büchern gleichsam so unsichtbar zu werden, dass nichts mehr an mir Anlass für Ohrfeigen war, und die damit verbundene Erleichterung den Büchern, später der Literatur gutschrieb, bis ich, als es schon viel zu spät war, begriff, dass ich Bücher nur dafür zu lieben begonnen hatte, weil sie mir Schläge ersparten und nun nicht mehr weiß, was ich von dieser Liebe zu den Büchern und der Literatur halten soll, denn oft genug bin ich noch dieses nach innen gekehrte fünf-, sechs-, siebenjährige Kind, das sich in einer Ecke über ein Buch kauert, um in Ruhe gelassen zu werden, aber was hätte ich ohne die Bücher getan? ¶ Nur noch selten kam es vor, dass sie die Bücher bloß aus den Regalen zog, um dann nichts weiter mit ihnen anzufangen, monatelang hatte das zu ihren größten Vergnügen gehört, sie krabbelte (damals krabbelte sie noch) durch die Wohnung, zog sich an den Regalbrettern hoch und riss Bücher aus den Fächern, es sah aus, als hätte sie eine Bücherspur auslegen wollen. In der Küche zog sie die Schubladen auf und verteilte Backformen, Teigquirle, Schüsseln auf dem Boden, im Schlafzimmer brauchte sie keine zwei Minuten, um die Kommode auszuräumen, es begeisterte mich immer wieder, wie schnell es ihr gelang, die Wohnung zu verwüsten. ¶ In den letzten Wochen ist sie ein wenig ruhiger geworden, der Furor des Ausräumens überkommt sie nicht mehr so oft. Ihr Vergnügen braucht nicht mehr so große Territorien. Sie sitzt da und schraubt einer Cremetube den Deckel ab. Sie zieht ihren Stoffesel aus und versucht, ihn wieder anzuziehen, bis sie schließlich meine Hand nimmt, ich soll es für sie tun. Sie rührt mit dem Schneebesen, dem Kochlöffel in einer Schüssel. Sie sitzt auf ihrer Schaffelldecke und sieht sich Bücher an (nicht, denke ich, lass dir doch Zeit), sie holt ihre Schuhe und stellt sich an die Türe (bald, denke ich, ich helf' dir, aus deiner Kindheit loszukommen). ¶ NACHTS ist sie jetzt wieder so zart wie in ihren ersten Wochen, sie will ganz nah bei uns liegen, bei dem Körper, der ihr durch die Nacht hilft, um zwei, drei stupst sie mich wach, dann gebe ich ihr Milch, sie legt sich in meinen Arm und trinkt, ich höre den Geräuschen zu, die sie beim Schlucken macht, und ihrem Kinderatem, zwei, drei Seufzer, dann ist sie weg. ¶ So ist mein Leben jetzt, denke ich, wenn man es jemandem schildern wollte, klänge es langsam, stetig und langweilig. Es soll so weitergehen, denke ich.
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Der Körper, der ich jetzt bin, ist ein seltsamer Remix des Körpers, der ich vor achtzehn, zwanzig, zweiundzwanzig Jahren gewesen bin, ein Haufen Müdigkeit, ein Schleimbehälter, eine Kreuzung aus Alarmanlage und schlaffem Sack. Es ist das Kind, das mich so macht, während es sein Immunsystem einrichtet, grätscht es meinem ins Funktionieren, das geht jetzt wieder ein paar Jahre so.
praschl | 29. Januar 12 | 0 Kommentare
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Am schlimmsten sind die Beinahe-Unfälle. Du drehst dich um, um ihr einen Apfel zu schneiden, als du wieder zu ihr schaust, ist sie halb aus dem Hochstuhl, eine Zehntelsekunde später wäre sie gefallen, Kopf voran. Du stehst an der Kreuzung, alles ist gut, dann rast ein Radfahrer vorbei, Renngeschwindigkeit, einen Zentimeter am Baby vorbei. Arschloch, brülle ich, er hört es nicht, die iPodstöpsel. All die Augenblicke, in denen man sieht, wie eine Kante, eine Ecke, eine Spitze und ihr Körper sich aufeinander zubewegen und dann gerade noch doch nicht, aber nicht immer, weil man sie noch abfängt. Du merkst, wie unsicher Wohnungen sind für Menschen mit 70 Zentimetern, wie viele Steckdosen du verkleiden musst, hast du wirklich alle, und natürlich protestiert sie, weil sie sich in die gesicherten Steckdosen hineinpulen will und du der Kindersicherung doch nicht traust. Sie schafft es, so schnell auf den Sofaabgrund zuzukrabbeln, dass du dich manchmal im allerletzten Moment dazwischenwerfen kannst, verrückt, das sich Höhenangst erst entwickeln muss. Sie könnte losspringen, zur heißen Backrohrtüre hin. Hunde könnten losspringen. Klemm dir bloß die Finger nicht ein.
praschl | 09. Oktober 11 | 0 Kommentare
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Wenn einer käme, um mich hochzuheben, umzudrehen, kopfüber zu halten wie ich sie, müsste er 5,40 groß sein, habe ich mir ausgerechnet.
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Mein schönes Kind, es wühlt sich hinein in mich und windet sich und schreit die Luft an, und dann schläft es doch. Es ist eine Willmaschine, will das iPad haben und meine Hand aufessen und heult mich an, wenn meine Hand nicht will. Es will mich in die Nase beißen und in die Augen stechen und Karottenbrei und Weißwurst, kommt alles wieder raus. Mein Kind wächst jeden Tag, bald ist es zweieinhalb Meter lang, aber jetzt ist es noch ein Zwerg. Mein schönes Kind schaut mir tief in die Augen und dann kackt sie los, wann hast du das je, dass eine dir tief in die Augen schaut und dabei kackt, da kommen sicher noch Sitten rein stattdessen. Mein schönes Kind streckt die Zunge raus, wenn es sich konzentriert, es ist eine schöne kleine schnelle Kolibrizunge, die Sabberfäden zieht, und leckt ganz schnell alles rein, alles meins. Sie verschlingt Papier, verschlingt Wollmäuse, verschlingt Flusen, dann guck ich in ihren Mund und pule es wieder raus, ich bin der Filter für ihren Mund, das kann rein und das lieber nicht. Meinem schönen Kind gehört alles unter einem Meter Höhe, hat keinen Sinn, zu hoffen, sie kriegt es nicht. Sie kriegt es doch. Sie hat den Musil, den Kluge, den Frisch, den Gadda, den Hölderlin, den Proust aus dem Regal gezogen, sie sitzt in Prousthaufen und lacht sich schlapp, sie reißt sich Musilseiten raus und steckt sie in den Mund, ach Fännfänn, sag ich, das schmeckt doch nicht. Mein schönes Kind ist ein Mädchen, was ist es denn, wollen die Leute wissen, ist es ein Junge, ist es ein Mädchen, ein Mädchen sagen wir, als ob daraus etwas folgen würde. Sagen sie eher SÜSS, wenn es ein Mädchen ist? Sagen sie eher TOLL, GROSS, STARK, WEIT, wenn es ein Junge ist? Die Wahrnehmungs-Werkseinstellung lautet immer noch: Junge, ER-Pronomen, wie heißt er denn?, nie: wie heißt sie denn? Mein schönes Kind rollt sich, dass ich sage: du Rollmops, es windet sich, dass ich sage: du Schlange, es grunzt beim Speed-Krabbeln, weil es sich so freut, dass ich sag: du Ferkel. Wo kommen die Tiere alle her, warum schenke ich ihm lauter Tiere, das Krokodil, den Fisch, den Affen, die Bobobücher mit der Fuchsfamilie, das iPad-Wimmelbuch mit dem Pupsschwein, dem Salatklaureh, den Elefanten? Die Liebe zu einem Kind ist, dass du ihm Tiere gibst, als dächtest du: das sind seine Freunde. Und wann gewöhnst du dir das wieder ab, sind die die Tiere wieder nur etwas, in dessen totes Fleisch du deine Zähne schlägst? Mein schönes Kind ist ein Quengel, ein Schrei, ein Wimmer, ein Dadada und Gagaga, wie lieb ich das. Es spuckt mir auf das T-Shirt langt mir an den Mund zerrt an meiner Lippe schnappt sich meine Brille stochert mir ins Auge patscht mir in mein Essen patscht trommelt auf meiner Brust. Mein schönes Kind macht mir ein schwarzes Herz, ich mag’s nicht leiden, dass es groß wird, es hat schon eine Steuernummer und einen Reisepass mit Passfoto und eine IDENTITÄT und eine STAATSANGEHÖRIGKEIT und ein Aktenzeichen und einen Kita-Gitschein und eine Biometrie, das lassen sie sich doch nicht nehmen, da langen sie gleich zu, das ist eben so, und ich kann nichts machen dagegen, aber jetzt ist noch gut. KRAPPKRAPP sag ich, KRAPPKRAPP.
Abteilung: Mikroliebe
Das Kind hat einen Schlaf, dem man anmerkt, es hätte lieber keinen. Es wehrt sich gegen das Einschlafen, so lange es kann. Es dreht noch einmal auf. Es zieht sich hoch und steht dann da. Es muss noch einmal den Wecker untersuchen, es muss noch einmal auf die Snooze-Taste patschen. Oder es greift sich den Babyphone-Sender und drückt auf den Knopf, der das Schlaflied-Programm anwirft, Schlaf Kindlein schlaf, Der Mond ist aufgegangen. Es zetert los. Es will noch einmal die Brust. Nicht wirklich. Bloß einmal kurz saugen. Oder beißen. Oder es beißt mich, ungefähr da, wo meine Brust ist, nicht so genau wie bei ihr, bei mir kommt ja nichts, also ist es egal, ob es gut zielt. Bei einem Erwachsenen wüsste man: ist noch nicht müde, hat keinen Sinn, so zu tun, als könnte das Einschlafen klappen. Einem Erwachsenen würde man sagen: lass’ locker, dann schläfst du schon ein. Oder steh' halt wieder auf. Beim Kind weiß man, man hat es lange genug beobachtet: Jetzt schläft es gleich ein, zwei, drei Minuten noch. Es ist schon auf der Zielgeraden ins Schlafland, genau deswegen muss es noch ein wenig um sich schlagen. Warum es sich so wehrt? Man weiß es nicht. Man hat nur Vermutungen. Aber es sind Vermutungen, die nur bei Erwachsenen Sinn haben. Zum Beispiel, dass es Angst vor dem Schlafen hat. Vor dem Zustand, in dem es ist, wenn es schläft, das Alleinsein, Aus-der-Welt-Fallen. Man rekonstruiert sich ein Babybewusstsein, indem man behelfsmäßig Schlüsse aus seinem eigenen Erwachsenenbewusstsein ableitet. Es kommt einem vor, als hätte es Angst, einen Widerwillen, als wäre der Schlaf für es mit einem Schrecken verbunden. Schon weiß man ein Dutzend und mehr Gründe, warum Schlaf etwas Grauenhaftes ist, sein muss. Nicht für einen selbst, für ein Kind. Es selbst kann dazu nichts sagen. Es gibt Auskünfte, aber in einer Fremdsprache, der man hinterherrät. Es korrigiert die Geschichten nicht, die man sich über seinen Schlaf erzählt. Man kann ihm alles nachsagen. Träumt es? Aber ja. Manchmal seufzt es, quietscht es, es hat sogar schon gelacht, zwei, drei Mal. Sein Gehirn wird auch im Schlaf schuften, es wird nicht anders sein als bei einem selbst. Aber wovon träumt es? Es hat ja keine Sprache. Rede ich in seinen Träumen? Kann es eine Sprache träumen, die es selbst noch nicht sprechen kann? Oder spreche ich in seinen Träumen auf seine Art; brabbelnd? Was sieht es? Wie tauchen in seinen Träumen seine Tageserlebnisse auf? Zieht es sich am Bücherregal hoch und räumt Bücher aus? Stürzt es, fällt es hin? Ißt es Brei? In der letzten »Nido« sagte eine Kindertraum-Forscherin, im Unterschied zu Erwachsenen, die Geschichten träumen, sehen Kinder im Traum Standbilder, wie Fotografien. Aber wie stellt man so etwas fest? Oft lasse ich das Kind auf mir einschlafen. Es liegt auf meinem Oberkörper, seinen Kopf in meiner Schlüsselbeinkuhle, sein Atem manchmal ein leises Schnarchen; das kommt von der Milch, die es noch bekommen hat, glaube ich. Anderthalb, zwei Stunden halte ich das leicht aus, es macht mich jetzt schon fertig, dass das irgendwann nicht mehr möglich sein wird, das Kind wächst ja so rasend schnell, dass man ihm dabei fast zusehen kann. Ein Kind zu haben, ist seltsam, weil man ununterbrochen Abschied nimmt, davon, wie es gerade ist; ständig hat man ein neues Kind, wenn Erwachsene so wären, würde man das sicher nicht aushalten können. Manchmal summe ich es in den Schlaf, es muss sich dabei fühlen wie auf einem vibrierenden Tier liegend (es weiß allerdings nicht, was ein »vibrierendes Tier« ist). Oder ich singe ihm Lieder, Ad-hoc-Texte über alles Mögliche. Oder ich erzähle ihm Romane nach. Moby Dick, Ulysses, Rot und Schwarz undsoweiter, in Babyzusammenfassungen, einem Baby muss man ja alles erläutern, was ein Wal, eine Niere, eine Liebe ist. Nach ein paar Stunden wacht es auf, seltener als bei ihr, bei ihr weiß es, dass es an die Brust gehoben und gestillt wird, überall steht, Stillkinder wachen nachts häufiger auf. Aber wie kann es in seinem Schlaf wissen, dass es neben mir seltener aufwachen muss, weil es von mir keine Brust gibt? Sowieso: Diese ungeheuren Operationen, die Kindergehirne bewältigen, immer wieder kommt es einem vor, als könne man ihnen beim Arbeiten zusehen. Der Rhythmus jetzt: vier Stunden Schlafen, 20 Minuten wach, drei Stunden schlafen, eine Viertelstunde wach, danach noch eine Stunde Schlaf, die letzte Runde. Dann ist es ungefähr sieben. Das Kind ist wach. So wach, wie man es schon lange nicht mehr gewesen ist. Nur zehn Minuten, bitte, zehn Minuten noch. Aber das Kind lacht darüber nur.
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Lange ehe sie Silben vervielfachte, tat ich es schon. KrappKrapp sagte ich zu ihr oder FännFänn. Wie mein Körper darauf kam, KrappKrapp zu sagen, immer wieder, weiss ich nicht.
Falls die Laute in sie einfahren wie Möhren in sie fuhren, Pfirsiche, Kürbis, Stromschläge, auf die sie mit Armrudern und Beinhampeln reagierte, dann geht Sprache mit Besessenheit los.
[Wann akzeptiert man das Gesetz, dass an einem Ort nicht zwei Körper sein können? Versucht immer noch, in mich zu kriechen, ihren Kopf in meine Schulter Brust zu bohren. Wie gerne ich ihr nachgeben würde, Wurmlöcher, durch sie schlüpfen könnte.]
Falls die Laute in sie einfahren wie Möhren in sie fuhren, Pfirsiche, Kürbis, Stromschläge, auf die sie mit Armrudern und Beinhampeln reagierte, dann geht Sprache mit Besessenheit los.
[Wann akzeptiert man das Gesetz, dass an einem Ort nicht zwei Körper sein können? Versucht immer noch, in mich zu kriechen, ihren Kopf in meine Schulter Brust zu bohren. Wie gerne ich ihr nachgeben würde, Wurmlöcher, durch sie schlüpfen könnte.]
praschl | 19. September 11 | 0 Kommentare
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Abteilung: Mikroliebe
Was kann schwer daran sein, ein Kind glücklich, freundlich, schlau, weltliebend zu machen? Du fütterst es, trägst es herum, zeigst ihm die Gegend. Du erzählst ihm Geschichten, schenkst ihm Tiersimulationen, krabbelst mit ihm los. Du gehst mit ihm Runden. Du lässt es alles tun, nur nichts, wodurch es sich verletzen könnte. Du lässt es in den Brei patschen. Du lachst mit ihm. Du spielst mit ihm verstecken, fangen. Und lässt dich finden und erwischen. Du nimmst es mit, überall hin. Du bist freundlich zu seiner Mutter, du bist freundlich zu den Menschen. Du spielst ihm Mahler, Miles Davis, Jonathan Richman, Steve Reich und Sylvia's Mother vor. Du tanzt mit ihm. Du gibst ihm alles, was dir gehört, auch dein iPhone, deinen Laptop, all deine Bücher. Du lässt es aus deinen Büchern Seiten reißen. Du legst es dir auf den Bauch. Du summst es in den Schlaf. Du knuddelst es. Du redest mit ihm, immer, du erzählst ihm alles. Du schaust ihm in die Augen. Du bist freundlich zu ihm. Du lässt es alles anfassen. Du lässt es von deinem Essen kosten, es sei denn, es wäre zu stark gewürzt. Du bist sein Bett, sein Sherpa, sein Badeknecht, sein Koch, sein Kammerdiener, sein Freund, sein Komplize, sein Spiegel, sein Krankenbruder, sein Schiff, sein Bodyguard, sein Quartiermacher, sein Vorbeter. Das alles ist leichter als alles andere, was du bisher getan hast. Es ist leichter, als den Staat zu ertragen, die FDP zu akzeptieren, sich durchs Fernsehprogramm zu zappen, originell zu sein oder die Welt zu verbessern. Es ist das Einfachste auf der Welt.
praschl | 11. September 11 | 0 Kommentare
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Abteilung: Mikroliebe
Jetzt schraubt sie den Deckel auf die Dose. Jetzt setzt sie sich hin und blättert in meinen Büchern. Jetzt kommt sie beim Krabbeln vorbei, um mir den Kopf auf die Schulter zu legen. Jetzt klatscht sie bei Musik. Jetzt winkt sie. Jetzt küsst sich im Spiegel, jetzt versenkt sie ihre Gummiente im Gemüsebrei. Jetzt sagt sie Neinneinnein.
praschl | 12. August 11 | 0 Kommentare
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