vague.

Donnerstag, 28. Juli 2011

6. Anatomie.

Aus den Nachrufen auf Lucian Freud: Aargauer Zeitung: Der britische Maler, der mit fleischigen Aktbildern berühmt wurde ¶ Welt: Und es hat auch nicht an Verstehensversuchen gefehlt, die in all dem Räkeln, Dösen, Beinespreizen und Fleischloslassen den bösen Triumph des Körper-Es über das Bewusstseins-Ich entdecken wollten. ¶ Natürlich ist es eben keineswegs, wenn das Aktmodell Sue Tilley seine adipöse Nacktheit ohne Scham vor dem Maler ausbreitet und von ihm zum schamlos ungetümen Fleischberg verformt wird. ¶ Rheinische Post: Die Leute sprachen gern über ihn: nicht nur über seine Bilder, diese Inszenierungen menschlicher Fleischberge. ¶ Lässt man Freuds Bilder noch einmal an sich vorüberziehen, so drängen sich vor allem die fülligen Akte auf: Fleischmassen, die auf einem Sofa lagern, und Gesichter, die kaum minder als Fleischlandschaften erscheinen. ¶ Die Presse: Freud suchte das Innerste des Menschen in seinem Äußersten, im Fleisch und in der Haut. ¶ Das Material ist der Stoff der Farbe, der im nackten Fleisch sein Äquivalent findet“, formulierte ein Kunstkritiker der „FAZ“ 2002. Andere hielten sich kürzer, nannten Freud den „besessensten Maler des Fleischs“. ¶ Spiegel: Mit brutalen Aktgemälden, die fahle Fleischberge zeigen und Sexualorgane entblößen, thematisierte der Maler Lucian Freud den Verfall der körperlichen Existenz. Jetzt ist der vom Fleisch besessene Brite im Alter von 88 Jahren verstorben. ¶ Und musste nicht, wer von Lucian Freud zum Modell erkoren wurde, sich tage-, ja monatelangen Sitzungen in Freuds Atelier ausliefern, nackt, dem bohrenden Blick des Künstlers ausgesetzt, der auf der Leinwand ein Bild entstehen ließ, das Fleisch zeigte, aber tief unter die Haut reichte? ¶ Der andere Arm hängt über der Sofalehne, als müsse er die beige-braune Fleischlast auf den Polstern festhalten. ¶ Seine auf den ersten Blick brutalen Aktgemälde, die den Verfall des Fleisches und die Vergänglichkeit der körperlichen Existenz schonungslos plakatieren ¶ Freuds fahle Fleischmassen wirken wie die Antithese zu den Photoshop-Entwürfen dieser pornografisierten Sexualität. ¶ Ein nackter, aufrecht stehender Haufen aus Falten, Fleisch und Schattenwürfen in derben Arbeiterschuhen, denen die Senkel fehlen. ¶ Freuds Credo besagte, dass ein Porträtbild nicht nur aussehen sollte wie der Porträtierte, sondern so sein sollte wie dieser; möglichst lebendig, aus Fleisch und BlutZeit: Seine Porträts wirken wie ein Versuch, die Echtheit des Fleisches greifbar zu machen. ¶ FAZ: “Lucian Freuds Thema war die vom Verfall stigmatisierte Fleischlichkeit, zu der wir alle verdammt sind. ¶ Wie ein modellierender Bildhauer traktierte er mit Farben und breiten Pinselzügen das Fleisch seiner Modelle. ¶ Höchstes Ziel seiner Malerei war die Durchdringung und Einheit von Malerei und Porträt, von Malerei und Fleisch. ¶ Badische Zeitung: Auf das rohe Fleisch gezielt ¶ Ein Porträtist mit kaltem scharfem Auge, ein Aktmaler, der den Menschen auf den Nenner der Fleischlichkeit bringt. ¶ Seine fleischlichen Exzesse sind keine genüsslichen Feiern der Lust. ¶ Kein Barockmensch Rubens war er, und am Ende war bei ihm das Fleisch immer das einsame Fleisch. ¶ Tagesspiegel: Die Farben des Fleisches ¶ Immer wieder Selbstporträts gemalt, nackte Selbstporträts, der alternde Mann in groben Malerschuhen, mit müdem, hängenden Fleisch. ¶ Gesichter sind auch nur Körperteile, hat Lucian Freud gesagt, und damit begründet, warum seine Bilder den ganzen Körper so detailliert porträtieren wie andere nur Gesichter und darin Intimität und Nähe finden, nicht im Blick, aus dem man gewöhnlich den Charakter liest, sondern in den Falten und Polstern, der Weichheit des Fleisches. ¶ „Flesh drags us down“, schreibt Updike, Fleisch zieht uns hinab. ¶ Maler des Fleisches und der Schamlosigkeit, diesen Ruf hat der Maler weg, seit er Mitte der Siebziger begann, mit fettem Pinsel kräftig aufzutragen, seit er sich Modelle suchte, die dem Schönheitsideal widersprachen – den Australier Leigh Bowery, Performancekünstler und bekannteste Drag Queen Londons, der mit seiner massigen Präsenz die Leinwand zum Bersten bringt, oder, noch extremer, die Finanzbeamtin Sue Tilley, deren grotesk voluminöse Figur Freud mit leuchtender Fleischfarbe zeigt ¶ Monopol: Freud dagegen wollte, „dass meine Porträts aus Menschen bestehen, aber nicht wie Menschen aussehen. Für mich ist die Farbe die Person. Sie soll für mich funktionieren wie Fleisch" ¶ Neue Osnabrücker Zeitung: Lucian Freud hat als Maler des welken Fleisches Faszination und Schauder kühl kombiniert. ¶ Als Maler der matten Materie, als Fetischist des faltigen Fleisches hat er jedoch genau den umgekehrten Weg eingeschlagen – hin zur zynischen Feier einer dem Verfall und der Fäulnis preisgegebenen Leiblichkeit. ¶ Deutschlandradio: Klinisch grausame FleischporträtsWams: Und alles Fleisch ist Farbe ¶ In der Bibel wird nicht nur der menschliche Körper, sondern eigentlich die ganze materielle Welt "Fleisch" genannt. ¶ Von solchem tragischen "Fleisch" sind die Bilder Freuds erfüllt, nur auf den großen Aktbildern des Barock erscheint das Fleisch noch einmal so bedrängend und atemverschlagend. ¶ Und auch die Weisheit Salomos ist auf diesen Bildern präsent: dass "alles Fleisch verwelkt wie Gras" - aber bevor es austrocknet, muss es erst verfaulen. ¶ Die Substanz auf der Leinwand ist eben Schinken und kein Pappmaché wie auf so vielen Bildern seiner Zeitgenossen, die nicht einmal mehr ahnen, dass das Inkarnat, die Fleischmalerei, einmal die Königsdisziplin der Malkunst gewesen ist. ¶ Zeit: Sondern ihre dröhnende Präsenz, ihr gleichsam animalisches Dasein. Ihre Natur, ihr rosig graues, zum Dahinwelken bestimmtes Fleisch. ¶ Das, was wir sonst viel zu schnell vergessen: was es heißt, einfach nur da zu sein, aus Fleisch und Blut, hässlich, hinfällig - und sterblich.

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